Mama, heute kann ich dich verstehen…

Mama, damals haben wir uns viel gestritten. Ich war Jung und verstand nicht, warum du so böse zu mir warst. Warum du mich immer kontrollieren und mich vor allem schützen wolltest. Warum es dir so wichtig war, dass ich erst wenn ich Erwachsen bin einen Freund haben soll.
Warum ich mich auf nichts anderes konzentrieren sollte, als auf die Schule. Warum ich gute Noten schreiben sollte. Das Leben war noch so leicht für mich damals, ich war unbeschwert und ohne Sorgen. Ich verstand all deine Sorgen nicht, konnte nicht nachvollziehen, warum man das Leben so eng sehen sollte.

Und dann gab es die Momente als ich dich im Wohnzimmer stehen sah, vor der Musikanlage. Aus ihr drangen instrumentale Klänge mit griechischem Gesang. Ich weiß, dass du den Musiker am allerliebsten mochtest. Ich sehe wie dein Körper zittert und du weinst. Doch als ich dich frage, was los ist, schüttelst du nur den Kopf und lächelst. Du wusstest ich könnte es niemals verstehen was mit dir los ist.
Warum du ständig krank bist und seit Jahren nur noch selten die Wohnung verlässt.
Warum du nur noch Halbzeit arbeiten kannst und das auch immer nur Nachts.
Warum du dich manchmal Stundenlang im Bad einsperrst um wie du sagtest: „Mal ein bisschen Ruhe zu haben.“
Warum du ständig Medikamente nehmen musst und dein Asthmaspray immer bei dir trägst.
Warum dein Blick oft so leer und trostlos ist.
Warum dich nie Freunde besuchen kommen und warum deine alten Freunde die so weit weg wohnen dich als genau das Gegenteil von Frau beschreiben, was du heute bist.

Mama als Kind stelle ich solche Fragen nicht. Für mich ist all das normal und ich weiß nicht, dass es nicht normal ist. Auch wenn Papa dich manchmal schlecht behandelt und dich oft belächelt und manchmal ignoriert- ich hinterfrage dieses Verhalten nicht. Ich habe selbst Angst vor ihm und kenne ihn kaum. Manchmal seit ihr wie eine eingeschworene Gemeinschaft aber meistens scheinst du alles zu tun, damit er dich lieb hat. Damit er sich nicht über dich lustig macht. Dir scheint es am wichtigsten zu sein, dass er dich lieb hat. Deswegen machst du im Haushalt auch alles ganz alleine. Kochst jeden Tag Stundenlang die leckersten Gerichte.

Aber Mama, warum erzählen mir deine alten Freunde so viel über dich, dass ich gar nicht wusste? Dass du als junge Frau Mutterseelenallein in ein fernes Land ausgewandert bist, eine neue Sprache gelernt hast und dort ein deutsches Restaurant eröffnet hast? Sie sagen du bist eine Powerfrau, immer glücklich und du brächtest alle um dich herum zum strahlen. Du hättest alleine dort in dem Land Berge versetzt und richtig was erreicht. Du klingst wie eine Superheldin für mich.

Aber wieso bist du dann jetzt nicht mehr dort Mama? Warum gehst du nicht mehr nach draussen und bist nur noch hier drin? Warum bist du nur noch traurig und krank? Du scheinst ganz anders, als diese Frau die sie mir da alle beschrieben haben.
Nur an einer Sache merke ich, dass die Geschichten wahr sind: Dein Essen. Ein Genuss für alle Sinne. Es ist so viel besser als jedes andere Essen. Man merkt dass es immer noch deine Leidenschaft ist. Eine, die dir nicht weggenommen wurde.

Wenn du und Papa euch streitet geht es dir hinterher immer sehr schlecht. Meist schläft er dann, während du noch Stunden in der Küche sitzt und weinst. Warum Mama? Warum lässt du dich so schlecht behandeln?
Als ich älter bin setze ich mich zu dir, rede auf dich ein. Mama wir sollten weg von hier. Dieser Mann tut dir nicht gut. Du bist fast gar nicht mehr gesund. Wirst immer schwächer. Mama liebst du ihn noch?

Deine leeren Augen schauen mich traurig an, du antwortest nicht.
Sie sagen mir so viel und drücken doch so viel Verzweiflung aus.
Ich liebe ihn nicht mehr sagen sie. Aber wo sollen wir denn hin?
Nein mein Schatz, wir können hier nicht weg.

Mama, zwei Jahre danach warst du weg. Und du kamst nie zurück. Gott hat dich zu sich geholt. Und mich auf der Welt ganz alleine gelassen. Denn Papa ist weggegangen als du fort warst.

Und heute Mama… heute sitze ich hier und verstehe plötzlich alles. Ich lebe dein Leben. Ich bin mit einem Mann zusammen der mir nicht gut tut. Erst nahm er mir meine Freunde, dann meine Leidenschaften und schließlich mein lachen. Früher beschrieben mich meine Freunde genau wie dich damals… und heute? Heute bin ich nur noch krank.
Krank und traurig.

Aber Mama? Ich will nicht sterben. Deswegen werde ich gehen. Egal wie abhängig ich bin. Und es ist mir egal was dann passiert- aber ich will leben.
Ich werde für uns beide leben Mama.

Es tut mir so leid, dass ich damals nicht verstehen konnte, was mit dir passiert ist. Warum du nicht gehen konntest. Jetzt verstehe ich es mit jeder Faser meines kranken und ausgelaugten Körpers.

Und Mama eins verspreche ich dir, vielleicht schaffe ich es nicht heute oder morgen-
aber ich werde es schaffen! Und dann werde ich wieder zu der Powerfrau die ich früher war.

Du fehlst mir jeden Tag.

Ich liebe dich.


Hilfreiche Literatur:

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