Wenn Narzissmus krank macht

Es ist also wieder eine längere Zeit vergangen, in der der Narzisst lieb zu dir war. Deine Psyche macht aber leider schon lange nicht mehr mit. In guten Zeiten ärgert dich das. Weil dann ist doch alles gut. Die schlechten Taten sind vergessen, dein Kopf hat sie in Nebel eingehüllt und tief unten abgespeichert. Du fühlst dich also jeden Tag mehr, als wäre nie etwas passiert. Aber deine Psyche, deine Psyche vergisst nichts liebes.

Sie speichert jede Art des Missbrauchs. Saugt ihn tief in sich auf. Und da du nicht hören willst, schickt sie dir Signale. Leise erst aber dann immer deutlicher. Dich nerven diese kleinen Krankheiten, diese Infekte, Kopfschmerzen, Bauchweh oder was auch immer. Irgendwas hast du auf einmal immer oder? Erinnere dich mal zurück- wann war das letzte mal, dass du aufgewacht bist und es dir von Herzen gut ging? Wann das letzte Mal, als du gar nichts hattest? Nicht den Funken einer Infektion, einer Hautkrankheit oder ähnlichem. Erinnerst du dich noch daran?

Aber deine Psyche liebes, lässt sich nicht austricksen. Sie glaubt seinen schmierigen Worten nicht. Sie hat ihn längst durchschaut und will dir nur noch da raus helfen. Sie weiß was kommen wird- und dass es dich mit jedem Mal mehr kaputt machen wird. Aber du hörst nicht auf sie. Du nimmst brav deine Medikamente ein und denkst dir nichts weiter dabei.

Das geht dann solange gut, bis deine Psyche irgendwann härtere Geschütze auffährt. Bis du zum Beispiel auf einmal keine Luft mehr bekommst. Von heute auf Morgen. Es erst abtust als Infekt, aber der geht nicht mehr fort. Immer schlimmer wird die Atemnot, du bekommst immer mehr Todesangst. Also gehst du ins Krankenhaus, weil du glaubst etwas schlimmes zu haben.

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Und sie checken dich dort von Kopf bis Fuß. Deiner Lunge geht es gut. Sehr gut sogar, und deinem Herzen auch. Sie finden rein gar nichts. Du bleibst über Nacht dort und siehe da, du kannst besser atmen. Nicht wie in deiner Wohnung. Denn durch die Atemnot konntest du in letzter Zeit kaum etwas im Haushalt tun. Und der Narzisst? Der hatte natürlich auch Stress in seinem Leben und hatte genug Ausreden nichts zu machen. Wenn du es nicht tust, tut es niemand.

Aber hier bekommst du Luft, hier kannst du atmen. Alles ist entspannt, die Menschen sind nett zu dir, sie verstehen dich. Nehmen dich ernst. Du redest mit einem Psychologen, erzählst ihm alles. Dass es dir schlecht geht, seit du ihn kennst. Das du immer krank geworden bist, dass du nicht mehr weiter weißt. Er schlägt dir vor in seine Klinik zu kommen- zwei Monate mal nur für dich! Wo du an deinen Anteilen arbeiten kannst, wo sie dir zeigen, dass es sehr wohl Hoffnung gibt. Dass du gut bist und stark. Du schöpfst Hoffnung und lässt dich auf eine Liste setzen. Zwei Monate wird es dauern bis man dich aufnehmen kann.  Aber es geht dir ja auch schon viel besser.

Es tut so gut wieder Luft zu bekommen! Und der Narzisst ist in letzter Zeit so lieb zu dir, war sogar ewige Stunden mit dir im Krankenhaus. Zu Hause wartet er sehnsüchtig auf dich. Es wird bestimmt schön. Du verfällst sofort wieder in romantische Schwärmereien. Wie es sein könnte- nein, wie es bestimmt sein wird.

Die Ernüchterung wenn du zu Hause bist ist wie ein Schlag in die Magengrube. Die Wohnung ist immer noch dreckig und verstaubt, das Katzenklo seit Tagen nicht gemacht. Es hat sich nichts verändert. Als du in die Wohnung kommst, kommt dir ein miefiger Gestank entgegen. Es schnürt dir die Lunge zu. Du bist entsetzt. Und doch traust du dich nichts zu sagen. Für dich wäre es selbstverständlich gewesen sauber zu machen, wenn er wegen Atemnot im Krankenhaus gewesen wäre. Damit er atmen kann und es schön hat. Du hättest ihm sofort einen Tee aufgesetzt und ihm vielleicht sogar was gekocht. Man kümmert sich doch um seinen Partner, wenn so etwas passiert oder?

Aber ernüchternd stellst du fest, dass dein Partner sich schon wieder seinem Leben gewidmet hat. Wichtige Klausuren stehen bald für ihn an und er versinkt sofort wieder in seinen Unterlagen. Als wärst du gar nicht Heim gekommen, gar nicht weiter von Bedeutung, wechselt er nicht einmal zwei Worte mit dir. Als du ihn bittest kurz zu saugen, weil du es nicht kannst, fängt er an, sich über dich lustig zu machen. Deine Atemnot sei doch nur psychisch, also sei es doch fei egal, wie dreckig es hier sei. Er habe wichtigeres zu tun.

Und du sitzt da und weißt nicht was du tun sollst. Durch die Kurzatmigkeit kannst du keine drei Schritte gehen, ohne Atemnot zu bekommen. Denn es wurde auch ein Infekt festgestellt. Du solltest dich ins Bett legen und dich ausruhen. Stattdessen musst du dir nun anhören, wie undankbar du bist. Dass ER doch schließlich hier nicht alles alleine machen müsse. Du sagst ihm, dass wenn er krank wäre, du das gleiche auch für ihn tun würdest. Aber er betont nur noch einmal, dass es ja nur psychisch sei. Er könne ja vielleicht heute Abend mal saugen. Bis dahin könntest du ja ins Schlafzimmer gehen. Und das, obwohl es im Schlafzimmer nicht weniger dreckig ist.

Er wird immer lauter. Er habe jetzt keine Zeit mehr für dein Drama. Also steht er auf und geht. Und du fühlst dich miserabel. Denn du hast euch die schöne Zeit mit deinen Problemen kaputt gemacht. Hättest du nichts gesagt, hätte er dich weiterhin lieb behandelt.

Du schluckst hart um die Tränen zu unterdrücken. Du fühlst dich, als wärst du verrückt. Du fühlst dich wie Luft, als wärst du überhaupt nicht von belang. Als gäbe es so viel wichtigere Dinge , die jetzt sofort erledigt werden müssten. Du bist lediglich auf dem letzten Rang der Prioritätenliste.

Also gehst du in die Küche, machst dir erst deinen Tee, dann dein Essen selbst und fängst an, die Wohnung sauber zu machen. Das packst du schon.

Auch wenn du gerade erst aus dem Krankenhaus zurück bist und dich eigentlich ausruhen müsstest.

Als du ihn fragst, warum er denke, dass du so krank seist sagt er: „Weil du von deinem eigenen Verhalten krank geworden bist.“

Es sind ja nur noch zwei Monate, sagst du dir dann immer wieder. Nur noch zwei Monate.

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5 Antworten auf „Wenn Narzissmus krank macht“

  1. Liebe Artemis,
    ich lese mit großem Interesse Deine Veröffentlichungen. Ich bin selbst Betroffene und bemühe mich gerade sehr, die Folgen des narzisstischen Missbrauchs zu verkraften. Seit 2017 (Juli) bin ich getrennt. Mein narzisstischer Partner hat mich für eine andere Frau ausgetauscht und ich fühlte mich wie ein Putzlumpen entsorgt. Er ist die größte Liebe meines Lebens, ich habe mich engagiert, sehr viel getan (bei der Jobsuche geholfen, Lebenslauf übersetzt, mitgelitten bei seinen Depressionen, mitgeholfen bei allem…… bis ich ausgelaugt war). Er ist ein Italiener, Musiker und ist ‚wegen mir‘ nach München gekommen. 2 Jahre lang hatte er kein Einkommen, was sicherlich auch an seiner Einstellung lag (leichte Kränkbarkeit, Größenphantasien). Am Schluss war ich ausgelaugt, fast im Burn-out (ich habe ein anspruchsvolles Berufsleben). Ich konnte die langen Monologe nicht mehr ertragen, es war wie auf einer Achterbahn: ständig neue Lebensmodelle, die Entwertung der Deutschen, meiner Freunde, meines Sohnes… die hohen Erwartungen (er ist sexsüchtig) und seine Unzfriedenheit. Nie war es genug. Dann – wie ihr ja alle kennt – die ständigen Wutattacken. Ich fühlte mich klein wie eine kleine Maus, konnte nicht mehr erwachsen reagieren. Nun sitze ich (trotz Therapie und vielen Bemühungen) nach einem halben Jahr noch immer in seiner ‚Falle‘. Ich träume nachts, dass er zurückkäme, ich denke, ich habe den größten Fehler meines Lebens gemacht: nicht zuhören, am Schluss laut werden, nicht vernünftig und erwachsen sondern wie ein verletztes Kind zu reagieren. …
    Ich mache mir solche Vorwürfe (er wäre noch da…. wenn ich dieses oder jenes mehr oder weniger getan hätte). Dabei weiss ich mit meinem Verstand, dass er keine Sekunde mehr an mich denkt. Seine neue Frau hat er bei einem Astrologen kennengelernt. Dieser hat ihm gesagt, ich wäre die falsche und die ‚richtige‘ hatte er schon eingeladen. Alles ging dann sehr flott: mein Partner zog dann nach Bad Kissingen und innerhalb kürzester Zeit bei der neuen Frau ein. Dort erhoffte er sich als Musiker und klassischer Flötist mehr Chancen als in München. Ausserdem denke ich, ein Narzisst muss immer wieder neu anfangen. Jeder neuer Anfang bringt neue Energie, Strahlen, eine Chance die positive Fassade neu zu beleben. Er ist ein gutaussehender, charmanter, gebildeter Mann mit großem Charisma. Ich weiss genau, dass die neue (ich habe ihr Photo gesehen und sie sieht so verletzlich und so nett aus) das gleiche erleben wird wie ich (unerträgliche Monologe, perfide Wut, Entwertungen der Mitmenschen, Verantwortlichkeiten übernehmen rund um die Uhr wie für ein Baby). Die Phase des Love Bombings beherrscht er super. Innerhalb von 3 Wochen haben beide schon davon gesprochen, in eine größere Wohnung umzuziehen und Heirat stand im Raum… so etwas schafft nur ein Narzisst! Auch diese Frau ist gebildet, arbeitet als Mediatorin und hat sicherlich eine große Empathiefähigieit. Irgendwie tut sie mir leid… sie wird das Erleben, was ich und seine Ex erlebt haben. Und danach die Schuldgefühle… die bekomme ich nicht los… zur Zeit fehlt er mir wieder… ich bemerke, dass ich ihn immer noch liebe (trotz alledem). Er hatte ja auch sehr gute Seiten (Charme, Lebendigkeit und Kreativität, ständiger Berührungskontakt – Händchen haltend durch die Stadt gehen, sehr gute Außenfassade) und natürlich als ich ihn in seiner Rolle als Flötist sah, war ich immer sehr stolz auf ihn (der Narzisst in mir?).
    Ich leide: ich verstehe nicht, weshalb kann ich mich nicht von den positiven Bildern lösen, weshalb habe ich so viele Schuldgefühle, wobei ich doch mein Bestes im Rahmen meiner Möglichkeiten gegeben habe. Ich sehe immer wieder die Szene vor meinem inneren Auge, bei der ich in Starbucks laut geworden bin, mich einfach nur gewehrt habe, so etwas sagte wie ‚das stimmt nicht‘ und alle Leute haben mich angesehen. Ich schäme mich noch im Nachhinein. Danach wollte ich mich entschuldigen (im Hotel – wir waren im Hamburg) und habe ihn versehentlich mit einem Fingernagel gekratzt (kaum zu sehen). Dann kam die Reaktion: ‚jetzt muss ich mit einer anderen Frau schlafen, um Dich zu bestrafen‘. Ich denke, das war der Beginn unserer Trennung… danach fuhr er nach Bad Kissingen und traf seine neue Süsse dort bei dem Astrologen. Ich denke, sie wird sich vielleicht in 3-4 Jahren bei mir melden und ich glaube nicht, dass er dort beruflich erfolgreich wird (das Scheitern wohnt in ihm und nicht in der Aussenwelt, obwohl er fachlich gesehen ein genialer Musiker ist). Der Wunsch der Größte zu sein steht dagegen. Keine Frustrationstoleranz, Mitmenschen entwerten, mit anderen in Konkurrenz gehen… da fehlt die emotionale Intelligenz um letztlich erfolgreich zu werden (er ist 55 Jahre alt und von Land zu Land gezogen -durchaus ein interessantes Leben).

    Manchmal denke ich, ich bin durch diese Beziehung traumatisiert. Ich stehe beruflich sehr gut im Leben und habe sonst stärke. Aber diese Situation ist furchtbar: ich komme innerlich nicht los, es ist wie ein Denkzwang, ich drehe und wende die Gedanken mit denen ich mir selbst Schuld gebe. Jetzt nachdem ich all die Narzissmus-Bücher gelesen habe, weiss ich dass ich mich vollkomnen verkehrt verhalten habe. Ich hätte nicht widersprechen dürfen, als er im urlaub zu mir NAZI-Frau sagte, nicht reagieren dürfen, die Ruhe bewahren sollen, nichts persönlich nehmen.. ihn für die guten Seiten lieben und die negativen Ausblenden. Während ich das schreibe, kommt mir das auch absurd vor. Es scheint so, als ob ich abhängig geworden sei und ich bin es immer noch (obwohl er mich schon längst vergessen hat). Ich folge der Regel ‚No CONTACT‘, obwohl er mir noch viel Geld schuldet (inzwischen hat er Geld, er hat sich sei Vorerbe in Italien auszahlen lassen). Auch erstaunlich: warum nicht bei mir? Ich möchte so gerne die Erlebnisse der Vergangenheit abschliessen. Ich wünsche mir oft, dass es ihn nie gegeben hätte. Vorher war mein Leben gut, ich war zwar alleine, aber optimistisch, dankbar und unternehmungslustig.
    Liebe Grüße
    Gina

  2. Ein sehr guter Brief….
    Habe es selbst erlebt. Nach einem großen Streit mit meinem Mann.
    Ich bin zusammen gebrochen, konnte weder laufen noch reden, bin ins Krankenhaus gekommen.
    Weil meine Tochter gesagt hat „entweder bringst du Mama ins Krankenhaus, oder ich rufe einen RTW“ die Ärzte könnten nichts feststellen.
    Mein Mann besuchte mich jeden Tag, erfand ausreden, warum er nicht pünktlich zu seinen Verabredung kommen konnte. Ich fragte ihn :Warum er nicht sagt, er wäre bei seiner Frau, im Krankenhaus? „das würde doch keinen interessieren.
    Als ich nach vier Tagen entlassen wurde, war zu Hause es so, als wäre ich nicht weg gewesen. Am Abend, sagte er noch, das sein Freund es gut hätte, er müsste sich nicht um seine Frau kümmern. Könnte machen, was er wollte.
    Das ist jetzt 10 Monate her, seit einer Woche, bin ich nach 37 Jahrenaus gezogen.
    Hoffe ich bin stark und schaffe es dieses Mal..
    Vor 30 Jahren habe ich es schon mal probiert, wir sind seit 26 Jahren verheiratet und haben zwei Kinder 22 und19 jahren
    Ich bin zur Zeit, sehr zufrieden, die emotionale abhängigkeit ist noch zu spüren.
    Habe lange gekämpft und gehofft, dass alles besser wird. Meine Energie ist bis auf ein minimum geschrumpft.
    Es war er letzte Zeitpunkt, diesen Schritt zu wagen, sonst würde es nicht mehr schaffen.
    Meine Kinder halten unseren Kontakt, davor hatte ich Angst, dass dieser darunter leidet.
    Wünsche all Mut und Kraft den Schritt zu wagen.
    Die Mitternacht Messe in unserer Kirche hat mich noch bestärkt.
    Das Thema war „also – dann geh ich“
    Habe am Anschluss ein Kompass bekommen, der mir den Weg zeigt.
    Da war mein Entschluss schon gefasst, aber man benötigt dafür sehr viel Zuspruch.
    Mein Freunde und Schwester, haben mich immer bestärkt, das ich richtig handle.
    Alle die den Schritt wagen, wünsche ich ‚viel Energie, Bestärkung, Unterstützung… Und‘ Gute‘ Freunde mein Weg ist noch steinig, ich hoffe aus den kleinen Schritten werden ganz normale Schritte jeder Schritt ist ein Erfolg, egal wie winzig er ist… Es ist ein Schritt in die Selbstständigkeit.

    Habt Vertrauen und Mut, ich habe es nach so langer Zeit geschafft, ihr schafft es auch.
    Glg

  3. bin körperlich krank geworden, psychosomatische Schmerzen, hab zuerst geglaubt alles ist organisch, wurde viele Male operiert´(schwere u. große OPs) Chronische Schmerzpatientin, kann kaum für meinen Lebensunterhalt sorgen, psychische Probleme oben drauf. Meine Mutter ist Narzisstin, hab den Kontakt abgebrochen. Sie hat mich 30 Jahre missbraucht. ist ein schlimmer Leidensweg, bin in Gedanken bei allen, die ähnliches erlebt haben. LG Lis

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