Warum gerate ich immer wieder an Narzissten?

Kommen wir zu einem sehr heiklen Thema. Viele von uns haben bislang nicht nur eine Beziehung zu einem Narzissten gehabt, sondern gleich mehrere. Sie sind uns in unserem Leben wahrscheinlich schon überall begegnet. So oft, dass sich viele fragen: Gibt es überall nur noch Narzissten? Und warum ziehe gerade ich immer wieder Narzissten scheinbar magisch an?

Warum geraten wir also immer wieder an narzisstische Menschen?

In unserer Gruppe habe ich es schon oft gelesen. Scheinbar verlieben sich manche von uns immer wieder in „Arschlöcher“, Männer oder Frauen, die emotional kaum bis gar nicht verfügbar sind. Menschen, die überhaupt nicht zu uns passen und mit uns emotional überhaupt nicht auf einer Stufe sind. Oft erlebe ich, dass es sich hierbei meist um Empathen handelt, also um sehr feinfühlige Menschen, die immer und gerne für andere da sind , aber viel zu wenig für sich selbst. Leider ist es auch oft so, dass man nach einer Beziehung mit einem Narzissten wenig reflektiert an die Sache herangeht. Man schließt das Thema schnell ab unter: „Er war der Teufel und ich die gute Seele , die nie etwas falsch gemacht hat. Dementsprechend muss ich nicht an mir arbeiten und kann froh sein, dass er weg ist.“ Aber genau hier greift ein Trugschluss, der uns dann oft direkt in die nächste ungesunde Beziehung führt.

Natürlich stecken wir anfangs in der Phase „Er ist böse, ich bin gut“. Wir sind wütend und fassungslos. Diese Phase ist ganz normal und hilft uns dabei abzuschließen bzw loszulassen. Diese Phase sollte aber nur eine von vielen sein, um das Thema zu verarbeiten. Leider lese ich häufig, dass manche in genau dieser Phase steckenbleiben. Sie beschäftigen sich danach weder genauer mit der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, noch, wie sie entsteht. Sie sehen Narzissten einfach als Monster und verbreiten das auch überall. In sich selbst schauen sie nicht. Das ist ein großer Fehler, denn das sind dann oft die Frauen, die Monate später wieder an den nächsten Narzissten geraten und somit in einem ewigen Teufelskreis an ungesunden Beziehungen feststecken. Es muss natürlich nicht immer ein Narzisst sein, natürlich gibt es auch genug Bindungsunfähige Männer da draussen, die sie genau so anziehen. Aber warum ist das so?

Oft spotten Männer an Stammtischen: „Frauen wollen eh immer nur die Arschlöcher, uns liebe Männer beachten sie kaum.“  Jeder hat diesen Spruch schon einmal gehört. Und Ladies, jetzt mal Hand aufs Herz- ich wette viele von euch fühlen sich von guten und normalen Männern gelangweilt. Sie reizen euch kaum bis gar nicht und werden schnell in die Freundeszone verbannt. Vielleicht sehen sie nicht aus wie ein Adonis, sind vorsichtig und vielleicht auch ein bisschen spießig. Diese Männer beachten wir kaum, schenken ihnen nie Aufmerksamkeit. Manche Frauen ekeln sich sogar vor solchen Männern. Woher kommt das? Wären diese Männer für uns Empathinnen nicht genau das richtige? Männer die emotional verfügbar und gesund sind? Die in einem normalen Elternhaus aufgewachsen sind, einen anständigen Beruf ausüben und ein gutes Herz haben? Männer, die unsere Liebe erwidern würden und uns sogar mit gesunder Liebe nur zu überschütten könnten? Mit ehrlicher Liebe, Vertrauen und Treue?

Ich stelle jetzt eine Theorie auf, die nicht auf alle zutreffen mag. Aber ich glaube auf eine Menge Frauen. Wie war das Verhältnis zu eurem Vater? Oder das Verhältnis eurer Eltern untereinander? Wir unterschätzen das immer wieder. Denn wir als Kinder, haben was Beziehungen angeht ein riesengroßes Vorbild- unsere Eltern. Das war die erste Liebesbeziehung die wir miterlebt haben und genau deshalb hat sie uns geprägt. Die nächste Beziehung, die genau so wichtig ist, war die zwischen uns und unserem Vater. Hat euer Vater euch geliebt? Hat er euch das immer wieder gezeigt? Hat er euch und eure Mutter immer mit Liebe und Respekt behandelt? Soll ich euch was sagen? Mein Vater hat das nicht. Weder mich noch meine Mutter. Ich habe mein Leben lang danach gelechzt, von meinem Vater Liebe und Anerkennung zu bekommen. Stattdessen wurde ich meist respektlos und von oben herab behandelt. Ein „Ich bin stolz auf dich“, habe ich in meinem Leben vielleicht zwei mal gehört. Mein Vater ist und war niemals ein emotional verfügbarer Mensch. Und meine Mutter hat er oft auch nicht gut behandelt. Das erste Beziehungsbild, dass ich als Kind gelernt habe war also kein positives. Ich lernte das er der Chef war, dem man zu gehorchen hatte. Und dass die Frau den kompletten Haushalt und die Kindererziehung zu erledigen hat. Wirkliche Wärme zwischen den beiden habe ich nie erlebt. Und das man nur Anerkennung und Aufmerksamkeit bekam, wenn man gute Noten schrieb. Wenn man quasi Leistung ablieferte. Tja und was soll ich euch sagen? Über narzisstische Freunde, narzisstische Beziehungen bis zur narzisstischen Chefin hatte ich in meinem Leben alles dabei.  Ich geriet immer wieder an solche Menschen und verstand nie warum.

Soll ich euch sagen, wo hier der Knackpunkt liegt? Wenn wir in unserer Kindheit von einem oder beiden Elternteilen zu wenig Liebe bekommen haben, wenn sie emotional nicht verfügbar waren, entwickeln wir als Kinder Traumata. Die brennen sich tief in uns ein. Sie sorgen für unsere negativen Programme die uns dann später das Leben schwer machen. Unter anderem Leitsätze wie: Du bist dumm, du bist hässlich, du taugst zu nichts, du kannst alleine nicht überleben, du brauchst einen Mann um Erfüllung zu finden. Von diesen Leitsätzen gibt es noch etliche mehr. Welche negativen Leitsätze habt ihr in euch?  Wie oft traut ihr euch Dinge nicht zu? Wie oft lasst ihr euch wie Dreck behandeln, weil ihr tief in euch glaubt, ihr verdient es nicht besser? Diese Traumata stecken in uns. Und ohne es zu wollen, wiederholen wir das Trauma immer wieder. Eigentlich wollen wir es natürlich auflösen oder? Und eigentlich könnten wir das nur mit einem emotional gesunden Menschen oder? Aber stattdessen spulen wir in unserem Leben immer wieder das Bekannte ab, das wir aus der Kindheit kennen. Denn das gibt uns Sicherheit. Das kennen wir nämlich, da fühlen wir uns wohl.

Im Grunde ist es so, dass wir in Männern die Liebe unseres Vaters suchen, die wir nie bekommen haben. Wir möchten eigentlich endlich von unserem Vater gesagt bekommen: Ich liebe dich und ich bin stolz auf dich. Aber da wir das von unserem Vater nie bekommen haben, suchen wir es in unseren Partnerschaften… und interessieren uns deswegen natürlich leider nur für Männer, die auf irgendeine Art und Weise unseren Vätern ähneln. Denn unsere Psyche will das Trauma doch endlich auflösen! Merkt ihr das große Problem? Wenn ihr euch einen emotional nicht verfügbaren Menschen sucht um euer Trauma aufzulösen- wird das nie klappen können. Denn ein Narzisst wird euch nie wahre und tiefe Liebe geben können. Nicht weil er ein Monster ist, sondern weil er krank ist. Weil auch er in seiner Kindheit tiefe Wunden davongetragen hat, die nie heilen konnten. Wir sehnen uns so sehr nach Liebe, dass wir diese Sehnsucht nach außen hin ausstrahlen. Narzissten haben da ganz feine Antennen für.  Denn auch wenn immer behauptet wird Narzissten hätten null Empathie- sie fühlen mehr als ihr glaubt. Sogar oft zu viel.

Das zweite Dilemma ist, dass ihr auch in einem gesunden Mann niemals die Liebe eures Vaters finden würdet. Die traurige Wahrheit ist, dass es vorbei ist. Diese Liebe werdet ihr wahrscheinlich nie bekommen. Das, was das kleine Mädchen in euch wirklich möchte, das kann und konnte ihr Papa ihr nie geben. Und das wird er auch nie können. Das zu erkennen und auch zu betrauern, ist ein wichtiger Aspekt um heilen zu können. Denn genau vor diesem Prozess der Trauer seid ihr bislang weggelaufen und habt im außen versucht ihr zu entkommen. Deswegen suchen wir stets „den Einen- der , der perfekt für uns ist. Der all unsere Wunden auflöst und uns heilt.“ Meine lieben die Wahrheit ist- niemand kann euch das geben. Diese Liebe könnt ihr euch nur selbst geben. Indem ihr lernt euch selbst zu lieben und zu achten. Denn viele von euch tun das nicht. Nur deswegen können Narzissten euch so beherrschen und immer wieder eure Grenzen eintreten. Weil tief in euch verankert ist „ich bin nichts wert“. Solange ihr nach dem Einen, perfekten Mann für euch sucht, sucht ihr im Grunde euch selbst. Erst wenn ihr euch selbst lieben und achten könnt, könnt ihr eine gesunde Beziehung führen. Und auch erst dann haben Narzissten nie wieder eine Chance bei euch. Denn wer sich selbst liebt und achtet, der lässt sich nicht missbrauchen. Im Grunde halten euch Narzissten nur einen Spiegel vor. Von dem, was ihr tief in euch über euch selbst denkt. Und sie werden das so oft tun, bis ihr verstanden habt, dass die Antwort nicht im perfekten Partner liegt- sondern in euch selbst.

Ich weiß das klingt jetzt alles sehr hart und es mag auch nicht auf jede von euch zutreffen. Aber es ist ein Ansatz zu verstehen, warum wir immer wieder an solche Menschen geraten. Ich habe drei Jahre Therapie gebraucht, um genau das zu erkennen. Denn im Erkennen liegt auch hier der erste Schritt zur Heilung. Natürlich sagt jeder der gefragt wird: Wie war deine Kindheit?- erst einmal: Och, die war ganz normal. Aber oft sind die Dinge, die euch traumatisiert haben, so tief in eurem Verstand vergraben, dass ihr euch gar nicht mehr wirklich daran erinnern könnt. Eine Therapie kann hier sehr hilfreich sein, aber auch der Austausch mit anderen, die gleiches erlebt haben.

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Hilfreiche Bücher:

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4 Kommentare zu „Warum gerate ich immer wieder an Narzissten?

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  1. Das ist ein riesiges total unterschätztes Problem der Komplementär- Problematik die bei Frauen Vorherrscht die narzisstische Männer anziehen!
    Frauen werden zu dem was du geschrieben hast per Se zur Abhängigkeit sozialisiert weil sie kein gescheites Männerbild erlebt haben als Kind. Das Trauma des ungeliebten Kindes ist ein ziemlich umfassendes und es dauert enorm lang bis die Psyche sich traut dahin zu sehen. Denn es gibt nur dieses eine Programm von Beziehung. Aber weißt du was? Das bewusst zu bekommen, das es ein Programm ist, ist so viel Arbeit dass da viele Menschen einfach scheitern leider und drin bleiben in der Spieale. Denn die Psyche sucht sich immer wieder die Lust durch den Schmerz. Den Schmerz des „nicht bekommens“ des ungeliebt Fühlens wandelt man automatisch in Lust / gute weil bekannte Gefühle um. Das muss man wissen! Die Psyche stabilisiert sich mit diesem Drama den Narzissten da veranstalten! Deshalb ist es ein bekannter Weg, da hast du Recht. Arbeitet msn nicht vollständig das auf was einen dahin zieht wird man nicht wachsen können leider. Denn Erwachsen -Ich muss sich neu entwickeln und gestärkt werden. Ich empfehle jedem dazu auch das Buch von Stefanie Stahl „Dein inneres Kind will Heimat finden“.
    Noch mal zur Anmerkung wie ich es erlebt habe. Die Dinge zu wissen reicht nicht, um sie zu ändern. Man muss es emotional erfassen was passiert um nicht mehr im Nebel zu stehen. Deshalb ist es so schwer da raus zu kommen. Man muss das eigene Drama noch mal komplett durch arbeiten um es loszulassen.
    Danke für den Artikel. Der hilft bestimmt das zu verstehen.

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von Anders Noren.

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