Leserbriefe – Aktion: Meine narzisstische Mutter

Unser heutiger Leserbrief erreichte mich von der Schwester eines unserer Mitglieder. Sie erzählt uns heute ihre Geschichte. Diesmal nicht aus der Perspektive einer Partnerin eines Narzissten, sondern als Kind einer Narzisstin. Hier wird zum ersten Mal die Seite des Kindes beleuchtet, dass unter Fachkreisen „Das goldene Kind“ genannt wird. Also das Kind der Familie, welches das favorisierte Kind der Narzisstin war. Gerade in narzisstischen Familien ist es so, dass die Kinder gerne aufgeteilt werden. In Lieblingskind und schwarzes Schaf. Und heute haben wir die Möglichkeit uns einmal mit den Augen des goldenen Kindes zu sehen. Vielen Dank für deinen Mut und das teilen deiner Geschichte!

Das goldene Kind

Nach den Erzählungen meiner Mutter war ich ein absolutes Wunschkind. Zumindest von ihr, wobei mein Vater sich auch gefreut hat, als es mich irgendwann gab. An meine Kindheit kann ich mich zum Teil überhaupt nicht mehr erinnern. Meine acht Jahre ältere Schwester – der „Sündenbock“ – kann sich hingegen sehr gut daran erinnern. Daran, dass ich die kleine Prinzessin war, die immer alles bekommen hat, schließlich war ich ja ein so liebes und hübsches Kind, nicht so rebellisch und hässlich wie sie, was wohl die Worte unserer Mutter waren. Ich wurde verwöhnt und geliebt, anders als meine Schwester, denn so einem furchtbaren Menschen stand so etwas nicht zu, zudem war sie das Kind aus ihrer ersten Ehe. Der Vater meiner Schwester war, wie unsere Mutter immer wieder erzählte ein Taugenichts, der während ihrer Ehe immer betrunken war, sie geschlagen hat und das bisschen Geld was sie hatten versoffen hat. Das Kind von solch einem Mann kann also nur genau so ein Versager werden wie er einer war. Das waren immer die Worte meiner Mutter, wenn sie über meine Schwester und ihren Vater sprach.

Meine erste Erinnerung setzt eigentlich erst ein, als ich zur Schule kam. Ich war der absolute Außenseiter, das Kind mit dem die anderen Kinder nichts anfangen konnten. Heute weiß ich auch warum, auch Dank meiner Schwester. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Meine Mutter war nicht da, die mir bei jeder Gelegenheit sagte, wie ich mich fühle und was ich zu tun hatte. Ich wurde also von ihr gedrillt, ein hübsches und artiges Kind zu sein, das ohne sie nicht existieren konnte. Wenn ich also in der Schule war und die anderen Kinder in der Pause zusammen spielten, stand ich, eingeklemmt zwischen einer Säule und der Hauswand und schaute ihnen zu, was für meine Mitschüler mit Sicherheit sehr merkwürdig war. Während des Unterrichts meldete ich mich auch nicht, weil ich Angst hatte, irgendetwas falsches zu sagen.

Im Laufe meiner Grundschulzeit gab es dann doch noch die ein oder andere Freundin, allerdings nicht so, wie man es bei anderen Kindern kennt. Man lud mich wohl zu Geburtstagen ein, ich war ja ein nettes Kind, aber eigentlich konnte niemand so richtig was mit mir anfangen. Ich war viel zu schüchtern und bekam den Mund nicht auf, weil mir niemand sagte, was ich sagen sollte.

Als ich acht Jahre alt war zog meine Schwester aus. Sie war damals gerade mal sechzehn und mit einem – wie meine Mutter immer sagte – asozialen Türken zusammen. Vor ihrem Auszug kam es zu einem riesen Streit. Es war Abend, ich lag schon im Bett und meine Mutter kam völlig aufgelöst in mein Zimmer, schloss die Tür ab und sagte, dass meine Schwester da wäre und irgendwelche Drogen genommen hat und sie – meine Mutter – Angst vor ihr hätte. Ich kann mich noch gut an das dumpfe Gefühl erinnern. Wie mir meine Schwester später erzählte, war mein Vater zu diesem Zeitpunkt gerade nicht da. Er war zur Kur gefahren, unsere Mutter konnte also mit ihr machen was sie wollte und das tat sie auch. Sie durfte tagelang nicht nach Hause kommen, musste im Park schlafen, ab und an bei einer Freundin oder ihrem Freund. Um sich wach zu halten, nahm sie Tabletten und war völlig aufgeputscht, als sie an besagtem Abend nach Hause kam. Unsere Mutter fiel wieder über sie her und meine Schwester ist buchstäblich ausgerastet, was ich aus heutiger Sicht völlig verstehen kann. Irgendwann war mein Vater dann wieder zu Hause und meiner Schwester wurde nahegelegt auszuziehen. Sie lebte erstmal bei ihrem Vater und zog ein paar Wochen später zu ihrem türkischen Freund, den sie später auch heiratete und drei Kinder bekam.

Von da an änderte sich alles. Mein Papa und ich hatten immer unser abendliches Ritual. Wenn wir zu Abend gegessen hatten, kletterte ich auf seinen Schoß und wir kuschelten. Das gab es plötzlich nicht mehr. Im Haus herrschte eisiges Schweigen und irgendwann zog meine Mutter aus und ließ mich bei ihm. Mein Vater war mit der Situation, aus heutiger Sicht gesehen, völlig überfordert und ich genauso. Wir hatten auch nicht sehr viel Zeit zusammen, da er ja arbeiten musste, somit kümmerten sich meine Großeltern mütterlicherseits, die im Haus nebenan lebten um mich. Wenn meine Mutter ihre Eltern besuchte, durfte ich meistens nicht rüber gehen. Das Verhältnis zwischen meinem Vater und mir wurde immer schwieriger. In der Schule wurden meine Noten immer schlechter, meine „Freundinnen“ wandten sich immer mehr von mir ab und irgendwann fing ich an hier und da die Schule zu schwänzen, worauf mein Vater natürlich dementsprechend reagierte.

Ganz anders waren die Wochenenden, die ich bei meiner Mutter verbringen durfte. Dort hatte ich wieder diese „Sicherheit“ die ich vor der Trennung meiner Eltern immer hatte. Und eineinhalb Jahre später hatte mich meine Mutter soweit, dass ich zu ihr gezogen bin, da war ich ungefähr 13 Jahre alt. Mein Vater, seine neue Freundin und ich kamen gerade aus dem Urlaub zurück. Meine Mutter war da mit einigen Kartons, in die sie ein paar meiner Sachen packte und dann fuhren wir zu ihr. Mein Vater sagte mir irgendwann einmal, dass das eines seiner schlimmsten Erlebnisse überhaupt war. Plötzlich war ich weg.

Mit dem Mann, mit dem sie zu dem Zeitpunkt zusammen war, verstand ich mich ganz gut. Er hat damals nie versucht mich zu erziehen, also konnte ich mich voll und ganz auf meine Mutter konzentrieren und wurde dann auch wieder zum lieben und artigen Kind bzw. Teenager. Zu meinem Vater hatte ich erst einmal keinen Kontakt mehr. Ich durfte oder wollte nicht, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Wir lebten damals in einer Kleinstadt in Hessen. Mein „Stiefvater“ hatte eine Tochter, die ein Jahr jünger als ich war und in Niedersachsen bei ihrer Mutter lebte. In den Ferien kam sie immer zu uns und als ich vierzehn war, zogen wir nach Niedersachsen. Dort lebten wir zwei Jahre mit mehreren Umzügen und Schulwechseln und als ich sechzehn war zogen wir nach Berlin, weil dort die Eltern meines Stiefvaters wohnten. Meine Großeltern zogen immer mit. Sie wollten in der Nähe meiner Mutter sein. Und irgendwann kam auch meine Schwester zu Besuch zu uns mit ihrer Familie, allerdings konnten wir damals kaum etwas miteinander anfangen. Gespräche ohne unsere Mutter fanden, glaube ich, nicht statt, weil ich ja gar nicht wusste wie ich mich verhalten sollte.

Als wir ungefähr ein halbes Jahr in Berlin waren, kam meine Mutter das erste Mal wegen Diebstahl ins Gefängnis. Ich blieb bei ihrem Lebensgefährten, der sich wirklich gut um mich kümmerte. Und das musste er, so gesehen auch, denn ich war alles andere als ein eigenständiger Mensch, dafür hatte meine Mutter ja immer gesorgt. Sie kam nach ungefähr einem Monat mit einer Bewährungsstrafe wieder nach Hause und erzählte allen, dass es ein furchtbarer Irrtum war und dass sie niemals irgendetwas gemacht hat. Die Beziehung zu ihrem Lebensgefährten dauerte ungefähr noch ein Jahr, vielleicht auch weniger. Angeblich hatte er sie betrogen, von ihm erfuhr ich Jahre später, dass sie ihn hintergangen hat, wo sie nur konnte. Sie machte Schulden auf seinen Namen und auch auf den Namen seiner Eltern.

Dann kam kurz darauf Lebensgefährte Nummer 2, zu dem ich auch in der ersten Zeit ein recht gutes Verhältnis hatte, bis er irgendwann anfing mich anzufassen. Meine Mutter meinte mal, sie wäre ganz schön eifersüchtig auf mich. Also wusste sie auch, was da stattfand. Ich traute mich nicht, mit ihr darüber zu sprechen. Ich war mittlerweile nicht mehr das „goldene Kind“. Ich fing an mir meine eigenen Gedanken zu machen. Ich hatte erste richtige Freundschaften, die allerdings nie lange hielten, dafür sorgte sie schon. Irgendwann vertraute ich mich einer Freundin meiner Mutter an, die dann meinte, ich müsse unbedingt mit meiner Mutter darüber sprechen, was ich dann auch tat. Was soll ich sagen, ich war die Lügnerin der Nation! Das konnte ja gar nicht stimmen, ich würde mir das alles nur einbilden und ich wäre ja eifersüchtig auf sie. Ein paar Wochen später hat dieser Mann sie durch die halbe Wohnung geprügelt und sie erzählte rum, dass er sich an mir vergriffen hätte und sie mich schützen musste.

Der nächste Mann ist nicht weiter erwähnenswert. Sie zog damals zu ihm, machte unsere Wohnung zu einer WG in der ich mit zwei anderen jungen Frauen lebte. Ich war fast neunzehn und stand plötzlich alleine da, ohne meine Mutter und musste das erste Mal meine eigenen Entscheidungen treffen. Und das versuchte ich auch irgendwie. Ich wollte mit der Schule aufhören. Ich hatte mittlerweile die zehnte Klasse lange hinter mir, da ich durch unsere vielen Umzüge auch dementsprechend viele Schulen besucht hatte – es waren 10 Schulen – waren meine Noten nicht unbedingt gut ausgefallen und sie meinte immer, ich muss was besseres werden als mein Vater, der in ihren Augen nur ein blöder Gärtner ist. Also ging ich weiterhin zur Schule ohne irgendwelche Erfolge. Mit den Mädels in meiner WG klappte es inzwischen auch wirklich gut, was meiner Mutter natürlich nicht passte und irgendwann kündigte sie den Beiden, zog zurück und beendete relativ zügig die Beziehung zu ihrem Lebensgefährten, woran ich nach ihrer Meinung Schuld war, denn sie musste sich wieder um mich kümmern, sonst würde ich ja nicht klar kommen. In ihren Augen war ich völlig unselbständig und auch irgendwie dumm.

Mit meiner Schwester hatte ich auch inzwischen ein gutes Verhältnis und ich machte – das erste Mal ohne meine Mutter – drei Wochen Urlaub bei ihr. Auf der einen Seite war ich völlig eingeschüchtert, auf der anderen Seite wusste ich aber, dass ich mein Leben ändern musste und meine Schwester bestärkte mich darin. Sie war damals mit ihrem Mann nicht mehr zusammen und lebte mit ihren Kindern in dem kleinen Dorf in dem wir aufgewachsen sind. Und in dem auch mein Vater lebte zu dem ich auch wieder Kontakt aufnahm.

Ich glaube, das war der Wendepunkt in meinem Leben und wenn ich meine Schwester nicht gehabt hätte, würde es mich heute vielleicht nicht mehr geben. Wir hatten viele tolle Gespräche, ich lernte ihre Freunde kennen, allerdings kam auch da mein altes Problem wieder zum Vorschein – ich wusste nicht, wie ich mich verhalten soll, also war ich die meiste Zeit, wenn ihre Freunde da waren sehr still. Als ich wieder nach Hause fuhr hatte ich endlich den Mut, mich gegen meine Mutter zu stellen, was ihr natürlich gar nicht passte. Immer wieder erzählte sie mir, wie unselbständig ich doch wäre, ohne sie würde ich nicht klar kommen, ich bin genauso dumm wie mein Vater, ich bin nichts wert, ich bin verhaltensgestört, ich bin hässlich und bekomme niemals einen Mann u.s.w. Ohne sie würde ich gnadenlos untergehen.

Eine Woche später hatte ich mein erstes Vorstellungsgespräch und hatte auch ziemlich schnell meinen Arbeitsvertrag für meine Ausbildung zur Friseurin in der Tasche und war natürlich mächtig stolz – und unsicher zugleich. Meine Schwester und mein Vater waren ebenso stolz, nur meine Mutter nicht. Weitere Anfeindungen und Wutausbrüche kamen und dann fand sie irgendwann ein neues „Opfer“.

Ihr zukünftiger Ehemann Nummer drei. Ein Alkoholiker. Ein Mann, der trank wenn er depressiv war. Genau das richtige für sie! Um ihn musste sie sich kümmern, koste es was es wolle. Ich war die meiste Zeit alleine zu Hause, was ich wirklich gut fand, da ich mittlerweile mit meiner Ausbildung angefangen hatte. Meine Großeltern lebten zu der Zeit in der Wohnung unter uns und wir verbrachten viel Zeit miteinander. Das war auch die Zeit, in der meine Omi mir mal erzählte, dass meine Mutter schon ganz früh anfing zu lügen und sich merkwürdige Geschichten auszudenken. Ich fand meine Mutter auch ab einem gewissen Alter merkwürdig und hatte oft das Gefühl, das sie lügt, aber darüber durfte ich mir damals keine Gedanken machen. Ich war ja so erzogen worden. Aber ich bekam immer mehr mit. Jeden Tag kamen Mahnungen ins Haus, der Gerichtsvollzieher klingelte ständig bei uns und meine Mutter hatte einen Job nach dem anderen mit immer neuen Ausreden, weshalb sie dort nicht mehr arbeiten könnte. Irgendwann nutzte sie sogar mein Konto, was mir später fast zum Verhängnis geworden wäre. Meine Omi kam eines Tages zu mir und erzählte mir, dass sie keinen Pfennig Geld mehr auf dem Konto hätten. Meine Mutter hatte ihr Konto geplündert und sämtliche Auszüge versteckt, ich fand sie später im Wohnzimmerschrank und gab sie meinen Großeltern. Daraufhin wühlte sie meine Schränke durch.

Meine Schwester wollte uns mit ihrem damaligen Freund und zwei Freunden besuchen. Sie und unsere Mutter hatten sich längere Zeit nicht gesehen und ich freute mich wie wahnsinnig auf sie. Unsere Mutter hatte besseres zu tun. Sie hatte ja ihren neuen Mann der ihre Hilfe brauchte, dass müsse sie doch verstehen. Sie hat es gerade mal geschafft für zwei Stunden vorbei zu kommen und dann war sie auch schon wieder weg. Bei ihrem neuen Lebensmittelpunkt, den sie manipulieren konnte wie sie wollte. Das konnte sie ja bei uns – ihren undankbaren Töchtern – nicht mehr tun.

Irgendwann zog der zukünftige Ehemann Nummer drei dann bei uns ein. Er hatte wohl eingesehen, dass er ohne meine Mutter nicht mehr existieren kann. Sie war auch sehr fürsorglich ihm gegenüber. Sie bekochte ihn, bemutterte ihn, kaufte jeden Tag seine fünf Liter Wein und machte sich für ihn unentbehrlich. Und dann wollten sie sich etwas Neues aufbauen. Sie meinte, dass in der Wohnung viel zu viel Erinnerungen sind von Lebensgefährte Nummer eins, der ihre große Liebe war. Wahrscheinlich war es aber eher die Flucht vor diversen Gerichtsvollziehern.

Und ich sollte natürlich mit. Es war nur ein anderer Bezirk in Berlin, aber ich wollte nicht, woraufhin sie mir wieder erzählte wie dumm, hässlich und undankbar ich doch wäre. War mir egal, meine Großeltern hatten mir angeboten, dass ich ihre Wohnung übernehmen könnte, denn sie wollten wieder in ihrer Nähe sein. Und so blieb ich. In meiner gewohnten Umgebung in der Nähe meines Ausbildungsplatzes, weit genug weg von meiner Mutter.

Und dann kam der erste Bruch mit ihr. Ich wohnte in meiner ersten eigenen Wohnung und plötzlich bekam ich Mahnungen, eine Vorladung zu einer Gerichtsverhandlung und der Gerichtsvollzieher stand ebenfalls vor meiner Tür. Meine Mutter hatte auf meinen Namen alles mögliche bei diversen Versandhäusern bestellt und nicht bezahlt. Außerdem hatte sie einige Zeit mein Konto genutzt und von ihrem Arbeitgeber Schecks eingezahlt. Auf meinem Konto! Ich hatte einen Termin bei der zuständigen Staatsanwältin und vom Prinzip her hatte ich einfach nur irre viel Glück. Ich erzählte ihr wie es dazu gekommen ist und da ich noch keine einundzwanzig war, kam ich da raus. Bei den anderen Sachen halfen mir mein Vater und seine Frau. Sie besorgten mir eine sehr gute Rechtsanwältin die mich aus Allem raus boxte. Ich war einige Male bei ihr und einmal sprach ich mit ihr darüber, dass ich meine Mutter anzeigen möchte, sie meinte, dass ich mir das doch noch mal überlegen sollte und sie würde meine Mutter anschreiben und ihr mein Vorhaben mitteilen. Angeblich hat sie diesen Brief nie bekommen. Ich habe ihn bis heute noch.

Aber so gesehen, war mein Leben wirklich gut. Ich hatte meine kleine Wohnung, meine Ausbildung und es gab plötzlich Menschen die mich mochten. Im Urlaub war ich meistens bei meiner Schwester. Ich war zufrieden.

Nach einigen Monaten Funkstille bekam ich einen fünf Seiten langen Brief meiner Mutter. Sie wäre ja so verzweifelt, ihrem Mann würde es nicht gut gehen und sie wäre auch sehr krank. Sie schrieb, sie habe Krebs. Wenn ich mich richtig erinnere, dann waren es Blasen-, Gebärmutter-, Brust- und Leberkrebs und ein Gehirntumor. Selbstverständlich meldete ich mich sofort bei ihr. Ich fuhr zu ihr, wir redeten sehr lange, weinten und wollten nie wieder den Kontakt verlieren. Ihr Lebensgefährte saß dabei, weinte mit und trank. Ein halbes Jahr später war sie auf wundersame Weise völlig genesen.

Die nächste Funkstille kam ziemlich schnell. Ich glaube, es war wieder wegen irgendeinem Besuch vom Gerichtsvollzieher bei mir. Nach einiger Zeit hatte sie wieder Brustkrebs, der ebenso schnell wieder geheilt war wie beim ersten Mal, als der Kontakt wieder da war. Und so ging es über Jahre hinweg, allerdings fiel ich danach nicht mehr auf die Krebsnummer herein.

Zwischendurch lernte ich meinen ersten Ehemann kennen. Er war irgendwie auf einmal da. Ich mochte ihn und dann waren wir irgendwann zusammen und lebten auch recht schnell zusammen. Für meine Mutter war er ein durch und durch primitiver Mensch, da er einen handwerklichen Beruf ausübte. Das war mir egal, nein, egal ist nicht das richtige Wort, ich fand es großartig. Sie war nicht mit ihm einverstanden und ich rebellierte gegen sie. Ein großartiges Gefühl. Aber irgendwann reichte es für mich nicht mehr mit einem Mann zusammen zu sein den ich nur mochte und ich trennte mich von ihm. Meine Mutter bestärkte mich darin, bis sie mit ihm persönlich sprach und auf einmal war alles ganz anders. Auf einmal war er ein sehr liebenswerter Mensch für sie und ihn hätten ja alle total verkannt und ich müsste wieder zu ihm zurück gehen, weil er sich sonst umbringen würde und dann hätte ich ein Menschenleben auf dem Gewissen. Ich fügte mich in mein Schicksal, heiratete ihn und verließ ihn nach vier Jahren Ehe endgültig. Er lebt heute noch.

Danach hatte ich eine kurze Beziehung zu einem Drogensüchtigen, die auch daran letzten Endes gescheitert ist und war dann am überlegen was ich mache. Ich wollte von vorne anfangen und endlich alles hinter mir lassen. Zu meiner Mutter hatte ich keinen Kontakt mehr, sie hatte mittlerweile ihren Lebensgefährten geheiratet und lebte nicht mehr in Deutschland. Meine Großeltern waren beide mittlerweile gestorben. Meine Mutter hat beide anonym beerdigen lassen, damit sie sich nicht auch noch mit der Grabpflege abplagen muss.

Also überlegte ich, ob ich wieder zurück nach Hessen gehe, wo meine Schwester zu dem Zeitpunkt noch lebte, oder nach Niedersachsen, wo mein Vater lebt. Ich entschied mich für Niedersachsen. Hier lernte ich auch endlich meine zweite Schwester kennen, die aus der ersten Ehe meines Vaters stammt. Sie lebte kurze Zeit, bevor ich geboren wurde bei meinen Eltern, zusammen mit meiner ersten Schwester und wurde von meiner Mutter so dermaßen fertig gemacht, dass mein Vater sie zu ihrer Oma gab. Wir hatten vorher nie viel Kontakt miteinander und ich weiß von Fotos, dass sie ab und an bei uns war, kann mich aber nicht daran erinnern. Auch sie ist ein sehr lieber Mensch, aber auch sehr in sich gekehrt. Sie erzählte mir irgendwann, dass sie sich noch daran erinnern kann, dass meine Mutter ihr, als sie ungefähr vier Jahre alt, war die Zunge abschneiden wollte, weil sie lügen würde.

Ich war gerade dreißig Jahre alt, das perfekte Alter um nochmal neu anzufangen. Mit meinem Vater verstand ich mich gut und mit seiner Frau auch so einigermaßen, er war glücklich, dass er mich wieder in seiner Nähe hatte und ich war genauso glücklich bei ihm zu sein. Ich hatte endlich das Gefühl angekommen zu sein und ich konnte endlich machen was ich wollte und mein Leben genießen.

Ich hatte meine eigene kleine Wohnung, arbeitete bei meinem Vater im Betrieb, lernte liebe Menschen kennen und hatte viel Kontakt zu meiner ersten Schwester. Bis irgendwann mein zweiter Ehemann da war.

Ich lernte ihn beim arbeiten kennen und war Hals über Kopf in ihn verliebt. Er zog sehr schnell bei mir ein und hätte ich auf meinen Bauch gehört, wäre er auch sehr schnell wieder ausgezogen. Er hatte sich kurz vorher von seiner Frau getrennt und wollte nicht mehr unter einem Dach mit ihr leben, weil sie ihm angeblich das Leben zur Hölle machen würde. Mein Leben drehte sich nur noch um ihn und er sorgte dafür, dass ich immer weniger Kontakt zu meinen Lieben hatte. Das erste Mal, als er sein wahres Gesicht zeigte, hatten wir auf einer Veranstaltung meines Vaters zusammen gearbeitet. Er meinte, ich hätte mit einem anderen Mann geflirtet, was nicht stimmte, denn ich hatte nur Augen für ihn. Er trank den gesamten Abend und als wir nach Hause kamen, machte er mir eine furchtbare Szene. Ich ging irgendwann weinend ins Bett und schlief irgendwann völlig verwirrt ein. Am nächsten Tag rief er mich von seiner Arbeitsstelle weinend an und meinte, ich soll ihn doch bitte nicht verlassen. Das läge alles nur an seiner ersten Ehe, seine Frau hätte ihn richtig fertig gemacht. Ich blieb bei ihm. Wir planten in sein Haus zu ziehen, das seine Frau verlassen hatte und sprachen sogar schon davon zu heiraten.

Wir renovierten das Haus und waren kurz vor unserem Einzug. Zu meiner Familie hatte ich nicht mehr viel Kontakt, außer zu meiner ersten Schwester. Der 60. Geburtstag meines Vaters stand an und sollte groß gefeiert werden. Wir kamen ziemlich ausgelaugt von den ganzen Renovierungsarbeiten zur Feier und mein Freund meckerte über alles und über jeden. Bis mein Vater die Nase voll hatte und es einen riesen Streit gab und wir gingen. Am nächsten Tag zogen wir in das Haus und ich hatte jahrelang keinen Kontakt mehr mit meiner Familie, weil er es nicht duldete. Er hatte es tatsächlich geschafft, mich von allem zu isolieren, was mir wichtig war. Der Kontakt zu meiner ersten Schwester blieb noch ein paar Monate bestehen, bis zu unserer Hochzeit. Wir stritten uns heftig per E-Mail, ich war mittlerweile so tief in seiner Welt drin, dass ich nichts anderes mehr gesehen habe. Und dann hatte ich auf einmal niemanden mehr, außer ihm. Er wollte nicht mehr das ich arbeite, also blieb ich zu Hause (ich hatte schon einige Zeit vorher nicht mehr bei meinem Vater gearbeitet sondern in einer anderen Firma) und ich wurde die perfekte Hausfrau. Alles drehte sich nur noch um ihn. Irgendwann lernte ich durch ihn, meine beste Freundin und ihren Mann kennen. Sie ist auch heute noch meine beste Freundin und die beiden haben mir geholfen wo sie nur konnten.

Und dann tauchte sehr unerwartet meine Mutter plötzlich wieder auf. Sie wollte in unsere Stadt ziehen. Sie hatte ein Haus gemietet und wollte mit ihrem Mann dort einziehen. Er war ihr mittlerweile zur Last geworden, aber seine Pension war doch zu reizvoll, als das sie ihn verlassen hätte. Er kam hier nie an. Unter mysteriösen Umständen verstarb er im Ausland. Es war ihr relativ egal, dass er tot war. Irgendwann meinte sie dann, sie würde sich hier so alleine fühlen und zog für ein paar Monate mit meiner Schwester zusammen und machte ihr das Leben zur Hölle. Meine Schwester setzte sie dann letzten Endes mit Hilfe der Polizei vor die Tür und sie kam völlig panisch wieder zu uns. Da meine Schwester und ich noch immer keinen Kontakt hatten, was ihr nur Recht war und sie auch dafür gesorgt hat, dass es so bleibt, wussten wir auch nicht, was sich dort alles abgespielt hatte.

Meine Mutter zog irgendwann in die Mietwohnung im Haus meines Mannes und erst einmal lief alles relativ normal. Meinem Mann ging sie irgendwann auf die Nerven, weil sie ständig in unserer Wohnung war und das zeigte er ihr dann auch. Sie bekam auch den ein oder anderen Streit mit, wenn er mal wieder getrunken hatte.

Es kam immer häufiger vor, dass er trank und wenn es zu viel wurde, wurde er immer eklig. Ich war nicht gut genug. Es ging prinzipiell entweder um Sex, der mit mir ja so langweilig wäre oder darum, dass ich zu faul zum arbeiten wäre. Er würde so viel für mich tun und ich tue nichts für ihn. Er hat mich nie geschlagen, aber das was er mir an den Kopf geknallt hat war mindestens genauso schlimm. Ich sagte ihm irgendwann einmal, nach so einer Nacht, dass er mich besser durchs Haus hätte prügeln können als das, was er mit mir macht. Von ihm kamen am Tag danach immer die gleichen Entschuldigungen. Und nach dem letzten Mal, nachdem er mir wieder erzählt hat, welche Wünsche ich ihm zu erfüllen hätte, sonst wäre es aus, war es dann auch aus. Und in diesem Moment stand tatsächlich meine Mutter hinter mir. Ich glaube, dass war das Netteste was sie jemals für mich getan hat. Sie war einfach da und einfach mal meine Mama.

Aber das hielt nicht sehr lange an. Sie zog zu mir runter in die Wohnung und mein Mann in die Wohnung nach oben. Die erste Zeit verstanden wir uns relativ gut, es lief alles so ab, wie sie es sich vorstellte. Zwischen meinem Mann und mir war mittlerweile auch so Einiges geklärt. Es gab für mich kein Zurück zu ihm und wir hatten ein gutes freundschaftliches Verhältnis. Er hatte mittlerweile eine neue Freundin und ich hatte auch jemanden kennen gelernt, was aber nach kurzer Zeit in die Brüche ging. Das alles passte meiner Mutter nicht, also fing sie an, Gerüchte über uns in der Nachbarschaft zu verbreiten. Damit konfrontierten wir sie und sie stritt natürlich alles ab, wir würden doch spinnen und hätten eine lebhafte Fantasie. Letzten Endes zog sie wieder aus. Mein Mann und ich lebten noch ein paar Monate in unserer „Ehe-WG“ und irgendwann ging das dann auch nicht mehr. Ich funktionierte nicht mehr so wie er das wollte und er schmiss mich raus, er war mal wieder völlig betrunken, hat sich irgendwann dafür entschuldigt, aber es war eindeutig zu spät. Wir hatten einige Zeit danach mal wieder ein recht freundschaftliches Verhältnis, was auch wieder vorbei ist.

Als ich in meine Wohnung einzog und ganz für mich alleine war, hatte ich das erste Mal seit Jahren das Gefühl wieder atmen zu können. Meine beste Freundin und ihr Mann haben mir geholfen aus meiner Hölle rauszukommen.

Ich hatte vorher schon Kontakt zu meiner zweiten Schwester gesucht, die mir ebenfalls geholfen hat und ein paar Monate später war auch mein Papa wieder in meinem Leben. Er ist mittlerweile auch von seiner Frau wieder geschieden und ist sehr viel glücklicher als er es jemals war und wir verbringen viel und gerne Zeit miteinander.

Und seit drei Jahren habe ich auch wieder Kontakt zu meiner ersten Schwester, die mir unendlich gefehlt hat. Wir haben uns bislang noch nicht wieder gesehen, weil wir beide viel am arbeiten sind, aber wir telefonieren regelmäßig.

Nun bin ich 44 Jahre jung, habe mir meine eigene kleine Wohlfühl-Oase geschaffen, habe einen Job der mich glücklich macht und bin seit viereinhalb Jahren Single und auch glücklich damit. Ab und an denke ich, dass es doch schön wäre wieder jemanden zu haben. Es ist auch nicht so, dass ich keine Männer kennen lerne, doch diverse Bemerkungen oder das belächeln von meiner Einstellung, schreckt mich ab.

Und auch heute noch wäre es mir ab und an lieb, wenn mich jemand an die Hand nehmen würde und mir erzählt was ich tun oder sagen soll. Da ist immer noch das kleine Mädchen was völlig verunsichert und schüchtern ist, obwohl die erwachsene Frau weiß, dass sie durchaus liebenswert ist und das es Menschen gibt, die gerne mit ihr zusammen sind. Aber ab und zu kommen die Worte meiner Mutter immer noch hoch „du bist dumm, du bist hässlich, du bist nichts wert“.

Zu meiner Mutter habe ich, genau wie meine Schwester, keinen Kontakt mehr. Und das wird auch so bleiben, hoffe ich. Meinen Ex-Mann sehe ich ab und zu noch. Er ist das zweite Mal an Lungenkrebs erkrankt, wobei es mich beim ersten Mal wirklich schmerzte. Jetzt tut es mir leid, aber für jeden Fremden hätte ich wahrscheinlich mehr Mitgefühl.

Nachtrag

Vor ungefähr einer Woche habe ich meine Geschichte aufgeschrieben. Am Tag danach ging es mir ziemlich miserabel. Ich habe die Nacht nur schlecht geschlafen und war den ganzen Tag über tieftraurig und hätte ich nicht arbeiten müssen, hätte ich wohl den ganzen Tag auf dem Sofa gelegen und geweint. Aber nun geht es mir von Tag zu Tag besser.

Gestern erzählte mir eine Kollegin, dass es meinem Ex-Mann nicht gut geht und die Ärzte nichts mehr für ihn tun können. Es tut mir leid für ihn und seine Freundin, denn, auch wenn ich nichts mehr mit ihm zu tun haben will, möchte ich nicht, dass er auf diese Weise leidet. Ich habe immer gehofft, dass er eines Tages mal an eine Frau gerät, die ihm die Stirn bietet. Die genauso mit ihm umgeht, wie er mit den ganzen Frauen in seinem Leben umgegangen ist. Seit unserer Trennung hat er anscheinend dazugelernt und das nicht im positiven Sinne. Mittlerweile schlägt er auch zu, wie mir seine jetzige Freundin mal erzählt hat. Sie ist trotzdem noch bei ihm. Das ist alles zum Glück nicht mehr mein Problem.

Ich hoffe, dass ich eines Tages das kleine unsichere Kind in mir lieben kann und das dieses Kind dann auch begreift, dass es nicht dumm und hässlich ist. Ich glaube, ich bin auf einem guten Weg dorthin.

Eine schlimme Geschichte, die sich hier abgespielt hat und ein trauriges Schicksal. Wir wünschen dir auf deinem weiteren Lebensweg alles Gute und sind dir sehr dankbar für deine offenen Worte!

Wenn ihr auch eure Geschichte erzählen wollt, schickt sie mir per Email unter: hilfefueropfervonnarzissten@gmail.com

Hilfreiche Literatur:

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von Anders Noren.

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