Leserbrief – Meine narzisstische Mutter

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Meine narzisstische Mutter

Dass ich geboren wurde, war eigentlich nur Mittel zum Zweck. Meine Großeltern waren mit meiner Mutter ziemlich streng. Sie mussten auch strenger mit ihr sein, wie sie mir mal später erzählten, denn meine Mutter war als Kleinkind schon schwierig. Schon mit drei Jahren log sie, was das Zeug hielt und es wurde nicht besser, sondern schlimmer. Vor allem log sie nicht, um ihre Haut zu retten, sondern sie dachte sich die dümmsten Sachen aus, um im Mittelpunkt zu stehen. Sie beklaute jeden, bei dem sie die Möglichkeit dazu sah. Die geklauten Sachen behielt sie nicht für sich selbst, sondern verschenkte sie. So kaufte sie sich Freundschaften. Als meine Mutter meinen Vater kennenlernte, sah sie eine Möglichkeit, aus ihrem Elternhaus rauszukommen. Also wurde sie schwanger. Meinem Vater passte das nicht, aber er stand zu seiner Verantwortung, heiratete meine Mutter und sie konnte bei ihm einziehen. Sie war gerade mal 20 Jahre alt, als ich zur Welt kam, mein Vater war einige Jahre älter. Meine Eltern lebten in seinem Elternhaus und meine Großeltern väterlicherseits wohnten in der Wohnung über meinen Eltern. Es gab also Großeltern im Haus, mein Vater hatte einen guten Job, wir hatten einen Garten und alles hätte prima sein können.

Nur leider hatte ich davon nichts. Meine Mutter war eine Woche im Krankenhaus und als sie entlassen wurde, wollte mein Vater sie natürlich abholen. Aber sie war schon weg, mit dem Bus. Mit mir im Gepäck und unterwegs zu ihren eigenen Eltern. Dort stellte sie mich ab. Und da blieb ich in meinen ersten drei Lebensjahren. Ich habe damals (bewusst) nichts vermisst. Meine Großeltern waren liebevolle Menschen, die ich immer geliebt habe und bei denen ich mich ständig gut aufgehoben fühlte. Die meisten Fotos aus meinen ersten drei Lebensjahren zeigen mich mit meinen Großeltern oder alleine und in deren Haus. Aber es gab auch ein paar Momente, in denen meine Mutter mich zu sich holte, denn es gibt auch (wenige) Fotos, auf denen mein Vater, meine Mutter und ich zusammen drauf sind. Mein Vater erzählte mir später, sie hätte mich nur nach Hause geholt, um mal ein Foto zu machen, in ihrer Wohnumgebung – und mich danach umgehend wieder zu meinen Großeltern mütterlicherseits gebracht. Er erzählte mir auch, dass er mich gerne bei sich gehabt hätte, dass seine eigenen Eltern gerne mehr von mir gehabt hätten – aber gegen meine Mutter und ihren Willen kam niemand an. Meine Mutter ging arbeiten und schob das als Grund vor. Das Kind musste schließlich betreut werden. Meine Oma väterlicherseits war den ganzen Tag zu Hause und hätte mich gerne betreut. Mein Opa hätte das auch gerne gesehen. Aber sie weigerte sich, mich meiner Familie väterlicherseits zu überlassen.

Als ich drei Jahre alt war, ließ sie sich scheiden und zog wieder nach Hause zu ihren Eltern. Ich erfuhr später, dass sie meinen Vater gehasst und verachtet hatte vom ersten Tag an. Angeblich hätte er sie geprügelt. Ihr das letzte Geld aus der Tasche geklaut, um es zu versaufen. Und angeblich hat sie mich nur vor einem Monster in Sicherheit gebracht.

Von meinem Vater erfuhr ich viele Jahre später, dass es anders herum war. Ja, er hatte zwar ein Alkoholproblem, aber der besoffene Alki, der sich nicht mehr im Griff hat, war er nie. Mein Vater war Pegeltrinker. Er trank nicht viel, er frischte immer nur seinen Pegel auf und das ließ ihn fast immer nüchtern wirken. Meine Mutter war es, die meinem Vater die letzte Mark aus der Tasche holte, wann immer es ging, und dann Lügengeschichten erzählte. Mein Vater konnte sich nirgends im Ort mehr sehen lassen. Die Arbeitsstellen meiner Mutter wechselten häufiger als andere Leute ihre Wäsche wechseln, weil sie überall in die Kasse griff – sie arbeitete fast immer im Verkauf. Sie erzählte immer herum, sie sei technische Zeichnerin, aber tatsächlich hat sie nie eine Ausbildung gemacht – und niemand hat je Zeugnisse oder Abschlüsse gesehen. Mein Vater geriet jedenfalls ganz schön in Verruf. Er war der Mann von dieser Frau, die überall klaute. Und das muss so stimmen, denn als ich längst erwachsen war, und meinen Vater dann endlich regelmäßig sehen konnte, erzählten mir das an seinem Wohnort immer noch ganz viele Leute, die sich noch verdammt gut an meine Mutter erinnerten. Ich widerum hatte während der meisten Jahre meines Lebens immer das Gefühl, ich müsste anderen Menschen beweisen, dass ich nicht so bin wie meine Mutter, dass ich ein ehrlicher Mensch bin.

Meine Mutter hat meinen Vater in diesen drei Ehejahren fertig gemacht. Er war in seiner Freizeit Musiker und sie machte sich stets lustig über seine angebliche Talentfreiheit. Sie lachte ihn aus, wenn er am Klavier saß, also spielte er nicht mehr. Sie lachte ihn aus für seine Figur, sie lachte über sein Hautbild (er litt an Neurodermitis), sie lachte über seine angebliche Dummheit. Sie wertete meinen Vater ab, indem sie ihn überall als Alki darstellte, der seine Frau prügelte, sich das Hirn weg gesoffen hätte und zu nichts in der Lage war. Sogar über seine sexuellen Fähigkeiten ließ sie sich aus, nannte ihn impotent. Als sie sich letztlich trennen wollte, erklärte sie ihm, sie habe ihn nur geheiratet, um endlich eigene Wege zu gehen, und das hätte sie ja nur mit „diesem Balg“ erreichen können. Jetzt, als geschiedene Frau wieder zu ihren Eltern zu ziehen, das sei ja auch nur eine Übergangslösung – nun würde sie nach einem Mann suchen, der was taugt.

Mein Vater ließ sie ziehen, vereinbarte aber mit ihr regelmäßige Kontaktmöglichkeiten mit mir. Die nahm sie ihm aber größtenteils. Mir wurde oft erzählt, meist von meinen Großeltern, mein Papa sei einfach nicht gekommen, um mich abzuholen. Mein Vater konnte mir aber später, als ich erwachsen war beweisen, dass er jeden Samstag pünktlich vor der Tür gestanden hat, um mich zu holen. Meine Großeltern, von denen ich mich immer geliebt fühlte, ließen sich leider zu Komplizen machen, aber: Meine Mutter hat ihnen ja auch erfolgreich eingeredet, mein Vater würde sie schlagen. Ihm erzählten sie übrigens immer Dinge wie: Das Kind will nicht zu dir kommen. Das Kind ist krank. Das Kind ist auf einem Geburtstag eingeladen. Das Kind ist gar nicht da. Dabei saß ich am verabredete Tag immer aufgeregt im Wohnzimmer und wartete auf ihn. Manchmal ging meine Omi dann mit mir spazieren und mein Opa ist es gewesen, der meinen Vater in unserer Abwesenheit wegschickte. Ich war schon gelegentlich bei meinem Papa und davon gibt es auch Fotos, aber irgendwann hörte das ganz auf. Als ich längst erwachsen war, erfuhr ich auch den Grund. Meine Mutter hatte meinem Vater vorgeworfen, er würde mich sexuell missbrauchen. Sie hatte ihm mit einem Gerichtsverfahren gedroht. Mir erzählte sie, damals, ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, mein Vater hätte sie angerufen und gesagt, er hätte keine Lust mehr mich zu holen, ich wäre ein furchtbares Kind.

Jahre später, ich war längst erwachsen, sprach ich meine Mutter darauf an und sie gab mir noch die Schuld. Sie behauptete, dass ich, als ich etwa vier Jahre alt war, erzählt habe, angeblich unter Tränen, der Papa hätte mich da und da angefasst und an mir herumgespielt. Ich kann mich nicht erinnern, so was erzählt zu haben, denn solche Dinge sind nie passiert, aber sie bestand darauf. „Da warst du selbst schuld, wenn du zu Hause so einen Mist erzählst, hat das eben Konsequenzen. Nach dem was DU erzählt hast, musste ich handeln.“

Aber kommen wir zurück zu meiner Zeit bei meinen Großeltern und als meine Mutter wieder bei uns einzog. Ich kann mich an sie nicht erinnern. Sie spielte nicht mit mir, sie kümmerte sich nicht um mich, sie sprach nicht mit mir. Ich kann mich an sehr viele Dinge erinnern, aber nicht an Zweisamkeit oder überhaupt Kontakt mit meiner Mutter. Ich weiß, dass sie in meinem Zimmer mit einzog – bis dahin hatte ich ein eigenes Zimmer bei den Großeltern gehabt. Und ich kann mich an die Dachschräge erinnern, unter der mein Bett stand und daran, dass sie dort immer die Köpfe der Beatles an die Wand klebte. Sie las wohl die ersten Bravos und schnitt immer nur die Köpfe aus. Sie zierten die gesamte Wand. Aber an meine Mutter selbst, irgendwelche Erinnerungen? Keine. Bis auf zwei. Sie hatte einen italienischen Freund, irgendwann mal. Und der kam uns besuchen. Davon gibt es Fotos und weil der sich sehr viel mit mir beschäftigte – Italiener lieben ja bekanntermaßen Kinder – kann ich mich an ihn und sogar an seinen Namen erinnern. „Bruno“, so hieß er, war aber irgendwann weg, er kam nicht mehr. Meine Mutter erzählte mir viele Jahre später, sie hätte diese Beziehung aufgegeben, weil er vorhatte, mich und ein eventuell eigenes Kind nach Italien zu schicken und dort von seiner Mutter aufziehen zu lassen – damit meine Mutter weiter arbeiten konnte und sie beide sich irgendwann ein Haus kaufen könnten. Meine Mutter sagte damals, als sie mir das erzählte: „Ich wollte mich aber nicht von dir trennen, du bist ja mein Kind.“ Das war zu einem Zeitpunkt, als ich mal kurzfristig wieder ihr favorisiertes Kind war, was nur vorkam, wenn meine Schwester mit ihr nicht sprach – oder meine Mutter sich nach ein paar Jahren Funkstille, die wir regelmäßig hatten, wieder annähern wollte. Als ich nämlich erwachsen war, hatten meine Mutter und ich jahrzehntelang eine on-off-Beziehung miteinander. Wir hatten für ein, zwei Jahre Kontakt, ich war immer sehr vorsichtig – dann herrschte wieder für vier bis sechs Jahre Schweigen. Meist, weil sie mich beleidigt oder gedemütigt hatte, manchmal aber zog sie sich selbst zurück und verweigerte jeden Kontakt, weil sie irgendeinen Mann kennen gelernt hatte und es in ihrem Leben jetzt keinen Platz mehr für mich gab.

Eigentlich war es mit Bruno anders, aber das erfuhr ich erst, als meine geliebten Großeltern alt und mein Opa langsam senil wurde – und endlich anfing, die Wahrheit zu sagen, wenn es um meine Mutter ging. Die beiden haben sie nämlich ihr Leben lang gedeckt, beschützt, ihre Fehler ausgebügelt, Rechnungen für sie beglichen. Mein Opa erzählte mir, Bruno sei schon in Ordnung gewesen und es wäre nie die Rede davon gewesen, mich nach Italien zu schicken. Es sei genau anders herum gewesen. Italiener lieben nun mal Kinder. Ich war ein Kind, und Bruno ist schnell klar geworden, dass meine Mutter sich überhaupt nicht für mich interessierte, dass sie mich überhaupt nicht beachtete und wenn – dann schlecht behandelte. Das tat ihm weh. Und mit einem solchen Menschen wollte er auf keinen Fall ein gemeinsames Kind haben. Ein Leben ohne Kinder können sich aber nur die wenigsten Italiener vorstellen.

Und dann kann ich mich an meinen späteren Stiefvater erinnern. Er hatte auch eine Tochter, die so hieß wie ich und mir wurde gesagt: „Das ist jetzt deine Schwester.“ Meine Mutter, er, meine neue Schwester – wir waren fast im gleichen Alter – machten einen Ausflug zusammen. Davon gibt es Fotos. Mehr Erinnerungen an ihn habe ich nicht aus der Zeit, bis er meine Mutter heiratete. Ich kann mich auch an keine Hochzeit erinnern.

Und dann wohnte ich plötzlich bei ihr. Meine Erinnerungen setzen schon in sehr frühem Alter ein, ich konnte meinem Vater eine Erinnerung erzählen, die sich bei mir eingebrannt hat, eine Szene zwischen ihm und meiner Mutter, da war ich noch keine drei Jahre alt. Mein Vater wurde damals blass, er hätte niemals damit gerechnet, dass ich diese Sache in meinem Kopf mit mir herumtrage, hat mir aber jedes Detail bestätigt. In meiner Erinnerung hat meine Mutter mich auf dem Arm, wir befinden uns in meinem Elternhaus. Meine Eltern schreien sich an, mein Vater kippt ihr schließlich den Eimer mit dem dreckigen Putzwasser über und meine Mutter und ich waren patschnass. Meine Mutter schlug ihm daraufhin die Brille von der Nase und das letzte Bild, das ich von diesem Tag von meinem Vater habe war, dass er im Wohnzimmer am Tisch saß und seine Brille klebte. In meiner Erinnerung lief meine Mutter, nass wie wir waren und es war Winter, mit mir zur Bushaltestelle und wir fuhren zu Omi und Opa. Und das ist die einzige Erinnerung, die ich tatsächlich an meine Mutter habe, in den drei Jahren danach erscheint es mir heute immer noch, als sei sie ein Geist gewesen. Es hieß immer später, dass sie drei Jahre lang in meinem Zimmer gewohnt hat, aber ich kann mich an sie nicht erinnern.

Und so habe ich fortlaufende und sehr detaillierte Erinnerungen an die folgenden Jahre bei meinen Großeltern, an die Räume, an unsere Tagesabläufe und an besondere Ereignisse. Nicht aber an meine Mutter. Und überhaupt keine an die Zeit, als meine Mutter schließlich meinen Stiefvater heiratete. Ich kann mich auch nicht erinnern, wann und wie ich zu ihr und ihm gezogen bin. Plötzlich wohnte ich da. Es war als wäre ich eingeschlafen und in fremder Umgebung aufgewachsen. Und es war fremd! Meine Mutter war für mich eine Person die ich überhaupt nicht kannte. Mir ist immer gesagt worden: „Das ist deine Mutti.“ Meine Omi hat diesbezüglich sogar ziemlich eindringlich auf mich eingeredet. Und ich sagte als Kind sehr oft: „Wenn das meine Mutti wäre, dann wäre sie ja immer da, so wie andere Muttis. Du bist meine Mutti, warum muss ich dich Omi nennen?“

Aus heutiger Sicht, und nachdem ich mich seit ich denken kann, mit Psychologie beschäftigt habe, um mir selbst zu helfen, denke ich: Schon damals wurde mir, wenn auch nicht mit Absicht, eingeredet, dass meine Wahrnehmung nicht stimmt.

Zu meinem Stiefvater hatte ich auch kein Verhältnis. Er war riesig groß, ich war sehr klein und dünn für mein Alter. Daher erschien er mir noch riesiger. Er war ein sehr schweigsamer Mensch, der nur selten lachte. Ich hatte Anfangs richtig Angst vor ihm, musste ihn aber „Papi“ nennen. Meine neue Schwester war soweit ganz lieb, aber sie machte ins Bett. Und darüber machte sich meine Mutter dann bei mir und in ihrem Beisein immer lustig, daran kann ich mich sehr gut erinnern. Die Kleine hat sich dafür irrsinnig geschämt, aber es passierte fast jede Nacht und tagsüber, wenn „Papi“ arbeiten war, hat meine Mutter sie regelrecht gequält, während sie zu mir ganz lieb war.

Heute weiß ich, wie man das nennt. Ich war das goldene Kind. Sie hingegen war sozusagen die Pechmarie. Es verging kein Tag, an dem meine Mutter sie nicht furchtbar demütigte für ihre Bettnässerei, aber auch wegen anderer Sachen. Sie war irgendwann so eingeschüchtert, dass sie begann zu stottern. Darüber lachte sich meine Mutter kaputt, äffte sie nach und nannte sie „dumm“. Eines Tages beklagte sie sich bei ihrem Papa darüber und der muss meiner Mutter die Hölle heiß gemacht haben deswegen. Es kam dann zu einer schrecklichen Szene, wegen der ich mich viele Jahre lang sehr schuldig gefühlt habe. Meine Mutter band die Kleine auf einem Küchenstuhl fest und schlich mit einer großen Schere in der Hand immer wieder um sie herum. Ich musste dabei bleiben, durfte aber nichts sagen. Meine Mutter warf ihr immer wieder vor, sie hätte bei ihrem Papa Lügengeschichten erzählt und sagte, sie würde ihr jetzt deswegen die Zunge abschneiden. Die Kleine fing natürlich an zu weinen, und zwar wirklich heftig. Wir beide waren gerade mal sechs Jahre alt! Meine Mutter stand vor ihr, brüllte sie an, sie solle den Mund öffnen und die Zunge rausstrecken, damit sie diese abschneiden kann, aber die Kleine petzte natürlich vor Angst den Mund zu. Ich weiß nicht, wie lange meine Mutter sich mit dieser Misshandlung vergnügte, mir erscheint es im Rückblick, als seien es Stunden gewesen. Aber wahrscheinlich dauerte die ganze Szene „nur“ wenige Minuten. Es war die absolute Psychofolter eines kleinen Kindes. Ich durfte nichts sagen. Sie fragte mich zwischendurch auch immer wieder, ob sie dem Mädchen die Zunge abschneiden soll. Ich sagte „nein“. Daraufhin brüllte sie mich an und fragte mich, ob sie auch meine Zunge abschneiden soll. Daraufhin sagte ich irgendwann „ja“. Ich hatte Angst. Aber ich fühlte mich Jahrzehnte lang schuldig, genau wegen dieser Szene.

Dann war meine Mutter irgendwann schwanger. Sie verlor das Baby. Und plötzlich war meine neue Schwester nicht mehr da. Es hieß, sie habe meine Mutter mit Absicht die Treppe runter gestoßen und sie hätte deswegen ihr Baby verloren. Das Mädchen zog daraufhin zu ihrer Oma und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob „Papi“ sie nur aus dem Schussfeld haben wollte, oder ob das Kind darauf bestanden hat – oder die Oma? Sicher hat sie von der Kleinen erfahren, was bei uns zu Hause los war.

Kaum war sie weg, war ich auch nicht mehr das goldene Kind. Ich wurde nicht schlecht behandelt in dieser Zeit, ich wurde eigentlich eher gar nicht wahrgenommen. Ich habe keine Erinnerungen daran, dass meine Mutter jemals mit mir Hausaufgaben gemacht hätte, als ich in der Schule war. Ich kann mich nicht an Mittagessen erinnern und ich kann nicht erinnern, dass sie sich jemals mit mir unterhalten oder mit mir irgendwas unternommen hätte. Wenn ich zu Hause war, saß ich in meinem Zimmer, weil sie das so wollte. Ich konnte früh lesen, meine Welt waren die Bücher. Oft war ich aber gar nicht zu Hause. Ich saß bei schlechtem Wetter in der Bücherei und bei gutem Wetter spielte ich draußen. Ich besuchte auch meine Omi und meinen Opa oft und ich weiß auch, dass ich oft gefragt habe, ob ich nicht wieder nach Hause kommen und bei ihnen leben dürfte. Meine Omi erklärte mir, dass ich ja nicht ihr Kind sei und bei meiner Mutter leben müsste. Als ich meiner Omi erzählte, wie sich meine Mutter verhielt und was sie mit meiner Halbschwester angestellt hatte, sagte sie: „Du hast so eine blühende Fantasie, Kind. Zu so was ist deine Mutter überhaupt nicht fähig, sie ist so lieb und sie liebt Kinder. Dich liebt sie ganz besonders.“ Ich habe mich oft bei meinen Großeltern beklagt, aber sie sagten immer, was ich erzähle, kann nicht stimmen, stimmt einfach nicht, ich bilde es mir ein, weil ich eine so starke Fantasie habe. Als ich älter wurde, hieß es, ich sei ein so rebellisches Kind. Als mein Opa alt und senil war, räumte er damit endlich auf, ich war zu dieser Zeit schon über dreißig. Endlich war er bereit, die Wahrheit zu sagen und er sagte, ich sei nie ein rebellisches Kind gewesen, im Gegenteil, ich sei ein sehr liebes, kluges und aufmerksames Kind gewesen.

Abends, wenn Papi kam, musste ich nach Hause kommen. Zum Abendessen durfte ich aus meinem Zimmer kommen. An „Papi“ und an Gespräche mit ihm kann ich mich erinnern, also kann es nicht sein, dass ich alles vergessen habe aus dieser Zeit. Ich nehme an, sie hat mich wirklich mehr oder weniger einfach ignoriert, sonst könnte ich mich ja an irgendwas erinnern. Denn„Papi“ nahm mich wahr, und daran erinnere ich mich auch, obwohl er mir immer fremd blieb und ich immer, auch später noch, Angst vor ihm hatte. Im Grunde ging es ihm nur um Funktion. Gute Noten, ein aufgeräumtes Zimmer. Alles andere interessierte ihn nicht. Papi war eben nicht so warmherzig wie es mein echter Vater war. Der sich ja – so glaubte ich – überhaupt nicht mehr für mich interessierte.

Meine Mutter interessierte sich nie für meine guten Noten, und ich weiß das genau, weil ich weiß, dass meine Großeltern platzten vor Stolz. Ich hatte nämlich nur Einser in all meinen Grundschulzeugnissen. Meine Grundschullehrerin war meine persönliche Göttin, denn sie unterstützte und förderte mich, wo sie nur konnte – vor allem literarisch. Auch an sie habe ich ganz lebhafte Erinnerungen. Ich habe oft Bücher aus ihrer persönlichen Bibliothek bekommen, die durfte ich lesen und musste sie ihr dann zurückgeben. Ich kann mich erinnern, dass es sich um griechische Sagen handelte, und dass mich besonders die Geschichte von Troja sehr interessiert hatte. Aber auch Gedichtbände waren dabei, und: in der vierten Klasse las ich Schiller. All das sind Dinge, die in meinem Kopf völlig präsent sind. Aber nichts zu meiner Mutter. Was auch präsent in meinem Kopf ist: Ich bekam nichts zum anziehen. Ich musste oft in Schuhen herumlaufen, die mir zu klein waren und drückten. Manchmal konnte „Papi“ sich das nicht mehr mit ansehen. Manchmal hatte meine Omi Mitleid und kaufte mir neue Schuhe. Kleidungsmäßig war es genauso. Ich hatte so gut wie keine Pullover, ich hatte kein einziges Sommerkleid, ich besaß nur wenige T-Shirts oder Blusen. Aber ich kann mich erinnern, dass meine Mutter hier und da mal mit einem Sack geschenkter Klamotten ankam, und ich sollte gucken, was mir davon passt. Das kam meist von meiner Tante, der Frau meines Onkels. Oder aber von fremden Leuten. Die Sachen passten mir nie. Entweder waren sie mir zu klein oder viel zu groß. Zu klein wurde sofort aussortiert, bei „zu groß“ hieß es immer: „Da wächst du rein, dann trägst du das mit einem Gürtel.“ Was sie auch oft machte: Sie stellte fest, dass ich neue Schuhe brauchte. Also zog sie los, kaufte sich selbst neue Schuhe – und gab mir ihre alten. Ich kann mich erinnern, dass ich mal in einem Winter fünf Socken übereinander ziehen musste, ohnehin schwer bei meiner Wäschesituation, nur damit ich wenigstens nicht komplett rausrutschte aus diesen Stiefeln. Und sie waren immer noch zu groß.

Ich trug immer Pullis, die mir zu lang waren und bei denen ich die Ärmel umkrempeln musste. Ich trug immer Hosen, die ich mit einem Gürtel auf meiner Taille halten musste. Und oft war es so, dass sie oben herum niemals passten, denn ich war immer sehr dünn, aber an den Hosenbeinen zu kurz wurden. Dann wurde eine bunte Borte drangenäht. Das machte aber nicht meine Mutter, sondern meine Omi.

Wen ich wirklich liebte, war die Schwester von „Papi“, die im Norden lebte und selbst drei Kinder hatte. Dort durfte ich oft meine Ferien verbringen und diese Zeit liebte ich. Ich war immer traurig, wenn ich dort wieder weg musste. Manchmal war ich wochenlang dort in den Ferien. Keine Ahnung, ob meine Mutter in diesen Zeiten mit meinem Stiefvater im Urlaub war und sie mich dann irgendwann wieder abholten – oder ob ich einfach nur so dort sein durfte. Diese Tante war es auch, die mir mit mitleidigem Blick meine Jeans abnähte, damit sie mir wenigstens passte, die mir dann auch hier und da ein Kleidungsstück von ihren eigenen Kindern unterschob, das angeblich nicht mehr passte. Es passte wahrscheinlich noch recht gut, aber sie hatte wirklich Mitleid, obwohl sie nie was sagte. Sie war kinderlieb und sie mochte mich. Ich war da unglaublich gerne.

Als ich neun Jahre alt war, wurde meine Schwester geboren und nun gab es wieder ein goldenes Kind – allerdings war das natürlich nicht ich. Im Gegenteil, sobald meine Schwester auf der Welt war, wurde ich mit regelrechtem Hass durch meine Mutter verfolgt. Ich hatte mich irre auf das Baby gefreut. Aber dann war es da und ich durfte es nicht anfassen. Ich wäre dreckig, sagte meine Mutter. Oder: „Du stinkst so dermaßen, dass ich dir einfach nicht erlauben kann, mein wunderschönes Baby anzufassen.“ So was sagte sie auch, wenn ich direkt aus der Badewanne kam. Es ging nicht um das Baby, es ging darum, mir weh zu tun.

Sprüche aus dieser Zeit sind mir bestens in Erinnerung geblieben, denn zu dieser Zeit ignorierte meine Mutter mich nicht mehr, sondern wandte viel Aufmerksamkeit für mich auf. Allerdings nicht im positiven Sinne. Sie verfolgte mich mit ihren Bosheiten, und das täglich. Wirklich täglich, ich rede mir das nicht ein. Und vor allem spielte plötzlich mein Vater wieder eine Rolle. Sie sagte mir jeden Tag, ich sei so hässlich wie mein Vater. Manchmal sagte sie, ich sei so dumm wie mein Vater. An anderen Tagen hörte ich so was wie: „Dein Vater hat auch immer gedacht, er ist ein großer Künstler, und er hat sich gerne lächerlich gemacht. Du? Du hast überhaupt kein Talent, aber du bist ihm sehr ähnlich, ihr denkt beide, ihr seid ganz toll und hoch begabt.“

Das war es, was ich mir immer anhören musste, wenn ich meine Geschichten schrieb. Das Schreiben habe ich schon als Kind geliebt. Ich habe nie gesagt, dass ich Schriftstellerin werden will. SIE hat das immer behauptet. Meine Lehrerin fand meine Geschichten toll. Meine Mutter lästerte darüber. Sie machte sich in meinem Beisein bei anderen Leuten darüber lustig, dass ich so gerne Geschichten schrieb. Immer wenn sie mitbekam, dass ich etwas geschrieben hatte, riss sie es mir aus der Hand, las ein paar Sätze, begann dann laut zu lachen und beschimpfte mich als „doof“. Meine Geschichten nannte sie immer „die geistigen Ergüsse ihrer nutzlosen Tochter“. Sehr oft sagte sie: „Lerne lieber rechnen. Um Schriftstellerin zu werden – dafür bist du zu dumm. Das sieht man ja, wenn man diesen Blödsinn hier liest.“ Zur Info: Ich hatte ein ganzes Jahr lang in ein Schulheft kleine Geschichten für meine Schwester geschrieben. Ich wollte sie ihr vorlesen, wenn sie alt genug sein würde. Ich liebte dieses Baby, auch wenn ich es nicht anfassen durfte.

Schule. Auch ein Thema. In der vierten Klasse kam meine Lehrerin auf mich zu, wollte mich sprechen. Sie hatte mich für das Gymnasium empfohlen. Ich hatte noch immer glatte Einserzeugnisse. Meine Mutter hatte aber am Sprechtag behauptet, ich würde kein Abitur machen wollen. Meine Lehrerin wollte wissen, ob das stimmt. Schließlich hatte ich bei ihr immer gesagt, wenn ich groß bin, will ich Archäologin werden. Das war auch der Grund, warum sie mir so viel von Heinrich Schliemann erzählte, mir so viele Bücher mitbrachte – es drehte sich immer alles um Geschichte. Ich war sehr überrascht, denn ich wollte doch Abitur machen! Ich wollte doch später mal studieren! Ich war in der vierten Klasse und wusste bereits, dass es diese Archäologen gab, die in Ägypten oder sonst wo auf der Welt in einem Camp lebten, mit Pinseln und allen möglichen Werkzeugen irgendwelche Dinge aus der Vergangenheit freilegten – und das war damals mein Traum. Das wollte ich machen.

Meine Lehrerin kam schließlich zu uns nach Hause und führte noch mal ein Gespräch mit meiner Mutter. Ich durfte nicht dabei sein, aber ich habe sie belauscht. Meine Lehrerin bat meine Mutter inständig, mich auf das Gymnasium zu schicken. Ich kann mich ganz genau erinnern, dass sie sagte: „Frau XXX, das Kind ist hochintelligent, sie hat ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis und sie hat eine große Leidenschaft für Literatur und Geschichte. Bitte lassen Sie das Kind auf das Gymnasium gehen, die schafft das mit links!“

Ebenso gut kann ich mich erinnern, dass meine Mutter sagte: „Wissen Sie, Frau YYY, meine Tochter ist nicht die leibliche Tochter meines Mannes, sie ist aus erster Ehe. Mein Mann will nicht, dass ihre Ausbildung ihn mehr Geld als nötig kostet. Und mein geschiedener Mann interessiert sich überhaupt nicht für sein Kind, er zahlt nicht mal Unterhalt.“ Ich kann mich an einen theatralischen Seufzer erinnern, und dann sagte sie: „Sie macht den Hauptschulabschluss und dann lernt sie Frisöse. Das reicht. Damit kann sie sich auch immer was dazu verdienen, sie heiratet ja sowieso mal.“ Ich kann mich auch verdammt gut daran erinnern, dass meine Lehrerin, als sie schon an der Tür stand und sich verabschiedete, zu meiner Mutter sagte: „Bitte denken Sie noch mal drüber nach. Sie verbauen einem hochbegabten Kind gerade seine Zukunft mit dieser Entscheidung.“

Und dann war die Grundschule vorbei. Ich wurde zur Hauptschule geschickt, „Volksschule“ nannte sich das damals noch. Ab diesem Tag gab ich mir keine Mühe mehr. Ich war tieftraurig. Ich sah keinen Sinn darin. Oft schwänzte ich und verbrachte meine Zeit in der Bücherei. Ich las viel dort keine Kindergeschichten, sondern Bücher zu Geschichte. Romane, die mir die Bibliothekarin, die begeistert war von mir, empfahl. Als ich „Quo Vadis“ las, war ich etwa elf Jahre alt. Ich kann das alles zeitlich sehr gut einordnen, weil das immer mit noch weiteren Erinnerungen zusammenhängt.

Zu Hause gab es oft Ärger, wegen meiner Schwänzerei, aber die wurde eigentlich auch unterstützt. Inzwischen war nämlich meine kleine Schwester, das goldene Kind, soweit, dass sie laufen konnte. Und damit wurde sie meiner Mutter zu anstrengend. Sie weckte mich oft morgens nicht, weil ich auf meine Schwester aufpassen musste. Also verpasste ich die Schule. Oft weckte sie mich auch nicht, weil sie mit meiner Schwester irgendwo hin wollte und ich das Haus putzen sollte. Manchmal allerdings weckte sie mich, nur ging ich dann nicht hin, sondern auf den Spielplatz, wo sich andere Schwänzer trafen oder eben in die Bücherei. Ich war zwar selten in der Schule, aber wahrscheinlich habe ich durch das viele Lesen sehr viel mehr gelernt, als ich in der Schule gelernt hätte. Ich war sehr wissbegierig, aber leider war das ja ein sehr einseitiges Lernen und nur auf den Gebieten, die mich interessierten. Mathe zum Beispiel konnte ich gar nicht, Chemie, Physik … da war ich völlig ahnungslos.

Täglich wurde ich beschimpft. Jeden Tag hörte ich, dass ich dumm bin, hässlich bin, dass ich stinke, dass ich durch meine Blödheit im ganzen Dorf auffalle. Sie drohte mir mit einem Heim für schwer erziehbare Kinder ebenso häufig wie mit einem Heim für behinderte Kinder. Da gehöre ich hin, meinte sie, ich sei ja geistig behindert. Und eigentlich müsste ich ja auch zur Dummschule gehen, statt zur Volksschule.

Meine Sachen. Ich durfte nichts besitzen. Natürlich hatte ich Bücher, aber die verschwanden regelmäßig. Meine Mutter schickte sie an Verwandtschaft in der DDR oder schenkte sie den Kindern ihrer Freundinnen. Das betraf auch meine Spielsachen, meine Puppen, meine Stofftiere. Es gibt viele Fotos von mir aus der Zeit bei meinen Großeltern, wo ich zwischen all meinen Puppen sitze, zwischen meinen Teddybären – es waren sehr viele. Das wurde mir alles weg genommen, all das ist, bis auf wenige Einzelstücke, die sich später auf dem Dachboden fanden, verschwunden. Stück für Stück.

Als ich etwa zwölf war, hatte ich dann wieder Kontakt zu meinem Vater. Wie der zustande kam, weiß ich gar nicht, aber ich war dann regelmäßig da. Alle vier Wochen durfte er mich Samstags morgens holen und abends wieder heimbringen. Mein Vater hatte viele Jahre meiner Entwicklung verpasst und konnte mit mir nichts anfangen. Was er sah, war eine traurige Gestalt und von meinem Schwänzen wusste er auch. Komischerweise hatte er aber keine Ahnung von meinen Einserzeugnissen. Aber gut, das war ja auch in der Grundschule gewesen und inzwischen war ich ja auf der Volksschule und die meisten meiner Noten waren nicht feststellbar. Als ich ihm von meinen tollen Grundschulzeugnisesn erzählte, wollte er sie sehen. Ich sprach meine Mutter auf mein Zeugnisheft an, wollte es meinem Papa beweisen. Damals gab es noch Hefte und keine losen Blätter. Sie sagte, das sei verschwunden, sie wüsste nicht, wo es wäre. Aber meine Zeugnisse wären so beschissen, dass es überhaupt nicht schlimm wäre, dass sie weg sind. Mein Papa fragte mich, ob ich vielleicht schwindeln würde. Aber grundsätzlich versuchte er wirklich, eine Beziehung zu mir aufzubauen, nur war das eben nicht so leicht. Meist ging er mit mir shoppen und kaufte mir was Schönes. Danach gab es ein Mittagessen bei meiner Oma. Und am Nachmittag nahm er mich mit in seine Stammkneipe. Er gab mir ein paar Markstücke, spendierte mir Cola und Pommes, ließ mich am Flipperautomat spielen und saß mit seinen Kumpels an der Theke und zischte sein Bierchen. Niemand kümmerte sich um mich. Irgendwann brachte er mich dann mit dem Bus nach Hause.

Er kaufte mir eine Stereoanlage, so eine Kompaktanlage mit Radio, Kasettenteil und einem Plattenspieler. Er drückte mir Geld in die Hand. Ich setzte es meist in Bücher oder Schallplatten um. Neben Büchern begeisterte ich mich sehr für Musik und ich sang auch gerne. Meine Mutter schimpfte immer, ich würde mit meiner furchtbaren Stimme das ganze Dorf beschallen, ob ich jetzt etwa so dämlich werden würde wie mein Vater? Der hätte auch immer geglaubt, er sei ein begnadeter Musiker, dabei sei er doch voll der Versager und ein Schlappschwanz dazu. Meine Schallplatten wurden ebenso verschenkt wie meine Bücher. Als ich erwachsen war, geriet ich durch Zufall an eine Band und die fanden meine Stimme so toll, dass sie mich als Sängerin aufnahmen. Als erwachsene Frau, ich war inzwischen geschieden und meine Kinder waren auch schon da, habe ich jahrelang in verschiedenen Bands Musik gemacht – die Engagements wurden immer besser und ich habe gar nicht schlecht (nebenher) damit Geld verdient. So unbegabt kann ich also nicht gewesen sein und nachdem ich mir in diesen Jahren auch viel Wissen draufgeschafft habe über Musik, kann ich heute sagen: Ich habe ein ausgezeichnetes, musikalisches Gehör. Ich mache schon lange keine Musik mehr, aber schiefe Töne tun mir weh.

Zurück zu dem kleinen Mädchen, das ich damals war. Mein Poesiealbum fand sie eines Tages, saß damit auf meinem Bett und lachte sich kaputt über meine dummen Freunde. Und dann warf sie meine Poesie-Alben in den Müll. Ich durfte sie nicht wieder rausholen.

Als ich zwölf war, verbrachte ich wieder meine Ferien bei meiner Tante in Norddeutschland – Papis Schwester. Dort bekam ich einen Hundewelpen geschenkt und ich liebte ihn heiß und innig. Mein „Strolchi“. Tiere waren eine weitere, sehr große Leidenschaft von mir und das ist bis heute so. Ich weiß, dass ich bei meiner Tante saß und heulte und sagte, ich dürfte den bestimmt nicht behalten. Sie tröstete mich und sagte: „Wir bringen dich doch nach Hause, weil wir deine Eltern besuchen wollen. Ich erkläre das meinem Bruder, ich sage ihm, ich hätte dir den Hund geschenkt. Wenn dann geschimpft wird, dann schimpfen die mir mir und ich sorge dafür dass du den Kleinen behalten darfst.“ Sie versprachen es meiner Tante auch, aber kaum war sie durch die Tür kam alles anders.

Strolchi war mein Ein und Alles und der Kleine folgte mir, egal wohin ich ging. Er war immer bei mir. Erst mal sah auch alles so aus, als würden sie mir den Hund erlauben. Wochenlang ging alles gut. Dann plötzlich verlangte meine Mutter von mir, dass ich innerhalb von vier Wochen jemanden finden sollte, der ihn nimmt, ansonsten würde sie ihn tot treten. Ich war voller Panik um meinen Hund und hatte kurz vor der Frist immer noch niemanden gefunden, der ihn haben wollte. Mir brach es ohnehin das Herz bei dem Gedanken, ihn weggeben zu müssen, aber noch furchtbarer war meine Angst, sie würde ihn wirklich zu Tode trampeln. Zugetraut hätte ich es ihr und wenn ich jetzt, vierzig Jahre später, darüber nachdenke, traue ich es ihr auch heute noch zu. Meine Mutter hat, als sie älter wurde, durchaus Interesse für Tiere entwickelt, aber wenn etwas interessanter war als ihr Tierchen, war das dann auch wieder erledigt. Sie hat einige Tiere wieder abgeben. Zwei Hunde hat sie jämmerlich verrecken lassen, weil sie keine Lust hatte, die Tierarztkosten zu tragen. Und ich weiß von fünf Katzen, um die sie sich jahrelang gekümmert hat, als seien es ihre Kinder, aber dann änderte sich ihr Leben, und sie hat sie einfach ausgesetzt.

Kurz vor dem Ablauf meiner Frist bereitete ich mit Strolchi meine Flucht vor. Ich wollte mit ihm zu meinem Vater ziehen. Mein Vater fand den Kleinen nämlich klasse und hätte mir den Hund gegönnt. Und ich wollte ohnehin weg von meiner Mutter. Sie hasste mich und ich wusste das. Aber meine Mutter tauchte dort mit „Papi“ auf und ich musste wieder nach Hause. Später erfuhr ich, dass sie meinem Vater erneut wegen seinem angeblichen sexuellen Missbrauch gedroht hat – der natürlich nie passiert ist. Ich musste also wieder nach Hause. Für Strolchi fand ich aber glücklicherweise doch noch eine Lösung. Eine Klassenkameradin wollte ihn haben und ihre Eltern hatten nichts dagegen. Dort hatte er es gut und ich konnte ihn immer sehen. Jedenfalls bis wir umzogen, in 60 km Entfernung – da war ich dann 14. Der Kontakt zu meinem Vater erledigte sich mit dieser Szene dann auch wieder, denn wieder zu Hause angekommen, nachdem ich versucht hatte, zu ihm zu flüchten, erklärte mir meine Mutter, mein Vater sei sehr erleichtert gewesen, als sie da auftauchte, um mich abzuholen. Er hätte ihr gesagt, ich sei das Allerletzte und er hätte wirklich keine Lust, sich um dieses dumme Gör zu kümmern. Wie auch immer, mein Hund war weg. Für mich war das ein sehr tragischer Verlust, den ich nie ganz überwunden habe, aber ich war erleichtert, dass sie keine Möglichkeit hatte, ihn tatsächlich zu Tode zu trampeln, wie sie es mir täglich angedroht hatte. Ich weiß, dass ich mich sehr hilflos fühlte, ich liebte das kleine Kerlchen so sehr und hatte das Gefühl, ihn nicht schützen zu können.

Meine Stereoanlage war irgendwann weg. Jede Schallplatte war irgendwann verschwunden. Mein Papa schenkte mir eine wertvolle E-Gitarre, weil ich so gerne Gitarre lernen wollte. Die war wenige Wochen später verschwunden. Meine Mutter behauptete, da sei nie eine Gitarre gewesen und außerdem bräuchte man dafür Talent und das hätte ich sowieso nicht. Meine Bücher verschwanden nach und nach immer wieder. Wenn ich mich beklagte, hieß es: „Mach mal die Augen zu, dann siehst du, was dir gehört.“

Ich hatte immer mal kleine Jobs, ging einkaufen für ältere Leute oder trug Werbung aus. Meine Großeltern drückten mir ab und zu Geld in die Hand, mein Vater sowieso. Mein Onkel, der leider tödlich verunglückte, als ich 13 war, den ich sehr liebte, drückte mir sogar größere Mengen in die Hand. Er hasste Kleingeld, hatte nie eine Brieftasche und leerte einfach immer seine Hosentaschen aus, wenn er uns besuchte. Das Kleingeld gab er mir immer, das waren oft mehr als zehn Mark – damals verdammt viel Geld. Sie nahm es mir fast immer weg. Wenn ich es versteckte, wühlte sie so lange in meinen Sachen herum, bis sie es fand. Wenn ich heulte, drohte sie mir: „Du kriegst gleich eine in dein hässliches Gesicht, du stinkendes Gör, dann weißt du wenigstens, warum du heulst.“

Meine Klamottensituation änderte sich auch nicht. Ich musste weiterhin Sachen anderer Leute auftragen und wurde oft ausgelacht. Ich wurde auch wegen meiner Ohren ausgelacht, denn ich bin mit abstehenden Ohren auf die Welt gekommen – ich habe sie später richten lassen. Meine Mutter sagte immer „Deine Salatohren, so groß wie Kohlblätter“. Manchmal sagte sie auch: „Leute mit abstehenden Ohren sind dumm und deswegen stehen die Ohren auch ab, damit das auch jeder sehen kann.“ Zu irgendeiner Gelegenheit setzte sie sich mit mir zusammen an den Küchentisch, wollte sich mit mir unterhalten, einfach so. Manchmal machte sie das und verhielt sich dann immer sehr liebenswürdig. Ich fiel immer wieder drauf rein, meine ganze Kindheit lang, dachte immer, sie fängt endlich an, mich lieb zu haben. Aber dann, nachdem sie sich etwas länger und sehr liebenswürdig mit mir unterhalten hatte, sagte sie: „Das war für mich schon ein Schock, als du geboren wurdest und die Schwester dich in meinen Arm gelegt hat. Andere Frauen haben so hübsche Kinder bekommen, und ich … ich bekam so eins wie dich, mit solchen Eselsohren. Ich war totunglücklich und dachte damals wirklich darüber nach, ob ich dich nicht besser ersäufen sollte.“ Ich kann mich erinnern, dass ich total geschockt war und in mein Zimmer ging. Ich habe nicht geweint. Ich weiß, dass ich lange da saß und vor mich hinstarrte. Ich habe überhaupt nur sehr selten geweint als Kind, wahrscheinlich wusste ich damals instinktiv dass es die Dinge nicht besser machen würde. Oder ich hatte einfach keine Tränen mehr, ich weiß es wirklich nicht.

Meine Schwester hingegen war ja das goldene Kind. Sie bekam alles. Meine Mutter war zu ihr immer auserlesen liebevoll. Sie sprach immer sehr liebenswürdig mit ihr, während sie mich beschimpfte und demütigte. Meine Schwester bekam jede Menge Spielsachen und meine Mutter nahm ihr niemals was weg. Meine Schwester musste niemals etwas aufräumen, als ich noch zu Hause lebte, ich musste ihr Zimmer aufräumen. Meine Schwester wurde von ihr geliebt und von Papi auch. Mir hingegen wurde gesagt, ich soll in mein Zimmer gehen, damit Papi meine hässliche Visage nicht sehen muss. Meine Schwester musste ich überall mit hinschleppen, weil meine Mutter ja so belastet war. Sie verpetzte dass ich rauchte, sie verpetzte, wenn ich mit Kindern spielte oder mit Jugendlichen zusammen war, die ich nicht treffen sollte. Meine Schwester war die Prinzessin. Sie wurde auch gekleidet wie eine kleine Prinzessin und wenn ich meine Mutter deswegen ansprach, sagte sie zu mir: „Das ist ja auch ein schönes Kind und schöne Kinder kriegen auch schöne Kleidung.“

Ich habe viele, viele Jahre und noch mehr Gespräche mit meiner Schwester gebraucht, bis ich verstanden habe, dass meine Schwester genauso missbraucht wurde wie ich. Sie wurde unselbstständig gehalten. Ihr wurde immer erklärt, sie könnte dies oder das nicht, deswegen würde „Mami das jetzt machen.“ Sie durfte nicht eigenständig denken und nicht sprechen, wenn es ihr nicht vorgegeben wurde. Und so kam es, dass meine Schwester bereits zehn Jahre alt war und den Mund nicht aufmachte, wenn man sie etwas fragte, sondern fragend meine Mutter anschaute. Meine Mutter sagte ihr dann, was sie sagen sollte.

Ich gebe zu, dass ich damals immer dachte, meine Schwester wäre dumm. Ich habe lange nicht verstanden, was da passiert ist. Meine Schwester litt als goldenes Kind übrigens auch nicht weniger als ich, denn sie hatte immer ein schlechtes Gewissen. Sie dachte immer, ich werde nicht geliebt, weil sie zu viel geliebt wird. Oder etwas in der Art. Aber später – und das habe ich viele Jahre lang nicht gewusst – hat meine Schwester die gleiche Hölle erlebt wie ich. Als sie dann doch so leicht anfing, zu protestieren, nicht mehr alles machte, was meine Mutter wollte, da war sie plötzlich auch dumm, hässlich, eine Versagerin, die nichts auf die Reihe kriegt. Ich habe zu dieser Zeit schon lange nicht mehr zu Hause gelebt – vielleicht war auch das ein Grund. Das goldene Kind zu hofieren macht ja, nach allem, was ich heute weiß, nur Spaß, wenn es daneben die Pechmarie gibt, die man dadurch extrem verletzen und demütigen kann. Ohne Pechmarie also auch kein goldenes Kind.

Mein Vater. War ich bei ihm, horchte er mich aus. Er wollte wissen, was bei uns zu Hause los war. Und egal, was ich erzählte, auch harmlose Dinge – er fand immer einen Grund, mir zu erzählen, was für eine schlechte Person meine Mutter ist. „Das ist doch ein Dreckstück“, sagte er oft. Meine Oma väterlicherseits stimmte da mit ein. Mein Opa väterlicherseits war inzwischen gestorben. Meine Oma nannte meine Mutter in meinem Beisein oft eine „Schlampe“ oder eine „Hure.“ Mit Vorliebe lästerten sie auch gemeinsam über meine Großeltern, äfften ihren Ost-Dialekt nach, den meine Großeltern nie los geworden sind. Das tat weh, ich wollte nicht, dass jemand so über meine Omi und meinen Opa spricht. Ich erzählte nichts mehr, also begann mein Vater zu erzählen. Erzählte mir, was für eine furchtbare Person meine Mutter ist. Die Schlampe, die Diebin, die Lügnerin. Kam ich dann abends wieder nach Hause, horchte mich meine Mutter aus. Sie wollte alles genau wissen und ich musste jedes Detail erzählen. Tat ich das nicht, erzählte ich nicht alles bereitwillig, bekam ich Hausarrest, meine Sachen wurden mir weg genommen und beschimpft wurde ich ohnehin. Erzählte ich dann irgendwas, ging die Schimpferei über meinen Vater los. Mein Vater war in ihren Augen ein Drecksack, eine perverse Sau, ein Schwein, ein stinkendes Tier und ein Schlappschwanz. Vor allem fiel eines sehr oft: „Der alte Säufer.“

Ich ging immer noch nicht regelmäßig zur Schule, weil ich schwänzte – und oft, weil sie mich nicht weckte, oder, wenn ich alleine wach wurde, sie mich nicht gehen ließ, denn ich sollte putzen oder auf meine Schwester aufpassen. Weil ich immer noch so gut wie nichts zum anziehen hatte, alles zu groß oder zu klein war und ich immer ausgelacht wurde wegen meiner Kleidung, begann ich, Klamotten zu klauen in den Geschäften. Ich wurde nie erwischt. Zu Hause erzählte ich, ich hätte mir die Sachen von einer Freundin geliehen. Manchmal sagte ich, meine Freundin hätte mir die Sachen geschenkt, weil sie ihr nicht passen. „Müssen die Geld haben“, sagte meine Mutter dann immer. Manchmal sagte sie dann auch: „Die haben halt auch Glück und haben ein nettes und hübsches Kind. Wenn ich so ein Kind hätte, würde ich auch wollen, dass es gut angezogen ist.“

Ich begann mich zu ritzen. Hier und da stach ich mir mit einem Zirkel große Wunden, als mir eine Rasierklinge in die Hände fiel, fügte ich mir immer mal eine Schnittwunde am Unterarm zu. Das machte ich öfter. Man sieht die Narben heute nicht mehr. Offenbar waren sie nicht tief. Nur wenn man genau hinschaut, sieht man ein paar feine Linien. Ich neige heute nicht mehr dazu, mich selbst zu verletzen. Aber ich habe dafür sehr, sehr hart an mir selbst gearbeitet. Mich immer wieder reflektiert.

Ich hatte einen ersten Freund und war sehr verliebt. Er fuhr eine Mockick. Meine Mutter erwischte mich und prügelte mich da runter. Ihm verbot sie, sich noch mal mit mir zu treffen und drohte ihm, sie würde ihn anzeigen. Warum, keine Ahnung, ich war 14 und er 16, ganz normal also. Da habe ich mal wieder geweint, das weiß ich noch, auch wenn ich sonst nur selten oder gar keine Tränen hatte. Ich habe mir die Augen aus dem Kopf geheult, denn er hat natürlich Schluss gemacht. Sie lachte mich dafür aus und sagte: „Du denkst wirklich, der würde dich lieben?“ Ja, ich dachte, er würde mich lieben. Ich habe heute noch sehr lebendige Erinnerungen an Peter, so hieß er. Er war ein hübscher Kerl, viele Mädchen waren verknallt in ihn. Und als wir noch zusammen waren, war ich oft bei ihm zu Hause. Wir lagen dann in seinem Zimmer, auf seinem Bett und er hielt mich einfach nur im Arm. Ich kann mich erinnern, wie ich mich angeschmiegt habe, ich habe es einfach genossen, diese Wärme zu spüren, diese liebevolle Umarmung. Er hat nie versucht, mich „zu knacken“, wie meine Mutter es nannte. „Der wollte dich doch nur besteigen, das ist doch alles“, sagte sie. „Und stell dir mal vor, der hätte dich geschwängert! Du bist schon eine Zumutung für jeden, der dich ertragen muss, aber noch so ein Gör wie dich, das hätte ich nicht ausgehalten.“

Kurz darauf zogen wir um, 60 km entfernt von unserem bisherigen Dorf. Meine Großeltern zogen mit uns, sie fanden eine Wohnung in der Nähe. Hier schloss ich aber schnell neue Freundschaften. Nur dass meine Freundinnen wieder mal nicht gut genug waren, aber was machte das schon? Ich übernachtete so oft es ging bei einer Freundin und ich glaube, meine Mutter war froh, wenn ich gar nicht da war. Wenn sie mich bestrafen wollte, schloss sie mich in meinem Zimmer ein, aber wenn alle schliefen, kletterte ich aus dem Fenster und morgens wieder rein. Wo ich nachts war? Bei meiner Freundin. Wir quatschten.

Gleichzeitig fing meine Mutter an zu behaupten, mein Vater würde keinen Unterhalt zahlen. Und so wurde ich sogar vom Essen ausgeschlossen. „Für dich gibt es hier nichts, dein Vater zahlt nicht“, erklärte sie mir. Ich musste oft in meinem Zimmer sitzen, roch den herrlichen Duft von gebratenen Schnitzeln, aber bekam nichts davon ab. Manchmal aß ich bei meiner Freundin. Und dann hatte ich irgendwann Babysitterjobs bei amerikanischen Familien. Die zahlten gut – und ich kaufte mir davon Essen. Als ich fünfzehn war, machte ich meinen Hauptschulabschluss, oder besser gesagt: Ich bekam ihn geschenkt. Damals musste man keine Prüfung machen. Die meisten Noten waren nicht feststellbar. Trotzdem fand ich eine Lehrstelle, oder besser gesagt: Meine Mutter. Sie wollte unbedingt, dass ich Frisörin werde. Ich hasste diesen Beruf, aber sie zwang mich dazu und verstand sich bestens mit meiner Chefin, die mich dann einstellte.

Die Lehrstelle war die Hölle, weniger wegen der Chefin, sondern wegen dem Beruf an sich – ich mochte ihn nicht. Vor allem aber wegen dem Arbeitsweg. Es fuhr kein Bus dorthin und ich musste jeden Morgen eine Strecke von 8 km über das Feld laufen, vorbei an der Landstraße. Im Winter war das kein Spaß. Abends fuhr komischerweise immer ein Bus zurück. Samstags fuhr leider auch kein Bus. Meine Mutter hatte inzwischen den Führerschein gemacht und sogar ein eigenes Auto, aber mich zu fahren – das sah sie nicht ein. So viel Mühe würde ich nicht verdienen, sagte sie.

Ich verdiente 250 Mark, das Geld bekam ich monatlich bar ausgezahlt – ein Konto hatte ich nicht. Da meine Mutter mich ständig beklaute, versteckte ich es, aber sie fand es trotzdem. Und obwohl sie mir ständig mein Geld wegnahm, bestand sie darauf, dass ich mich selbst versorgte. Meine Kosten für den Bus zur Berufsschule musste ich selbst tragen. Ich sollte mir Klamotten kaufen von dem Geld. Und da ich ja so gut wie kaum noch zu Hause etwas zu essen bekam, musste ich auch für meine Nahrungsmittel alleine sorgen. Also nahm ich noch einen Job für das Wochenende an, in einer Diskothek. Ich log den Chef an und sagte, ich sei schon 18. Einen Ausweis wollte er nie sehen. Ich bediente also Freitags bis spät in die Nacht, ging Samstags arbeiten im Frisörladen. Kam ich nach Hause, hatte meine Omi meist den Wunsch, ich sollte doch dieser oder jener älteren Nachbarin bitte die Haare machen, das sei ja eine gute Übung für mich. Es war also nichts drin mit Schlafen. Abends war ich wieder in der Diskothek. Erst Sonntags konnte ich ausschlafen. Komischerweise ließen sie mich auch schlafen – sie taten oft, als sei ich gar nicht da. Zu dieser Zeit hatte ich eine Bekannte, die mir erklärte, wie ich es erreichen konnte, wach zu bleiben am Wochenende, damit ich während meiner Jobs nicht zusammenklappte: Mit Recatol. Das sind Appetitszügler, ich weiß nicht, ob es die heute noch gibt. Die machen fit, aber natürlich hat man überhaupt keinen Hunger mehr, isst nicht mehr – und etwas zu trinken, fällt auch immer schwerer. Und weil ich dann irgendwann gar nicht mehr schlafen konnte, gab es ein Gegenmittel: Medinox. Schlaftabletten. Mit dieser Mischung schaukelte ich mich fit oder in den Schlaf. Wochenlang ging das gut.

In der Zwischenzeit war „Papi“ zur Kur gefahren. Während dieser Zeit schlief ich oft im Park auf einer Bank oder bei Freunden, wenn es machbar war, denn sie ließ mich kaum noch ins Haus, als er weg war. Immer gab es einen anderen Grund: Entweder ich war fünf Minuten später da als vereinbart, dann durfte ich nicht mehr rein. Oder sie hatte sich über mein hässliches Gesicht wieder geärgert und wollte meine Fratze nicht sehen. Ich durfte nicht rein. Das kam nicht einmal vor und auch nicht zweimal, nein. Das kam fast jede Nacht vor. An den Wochenenden konnte ich immer bei einer Bekannten übernachten, die über der Disko wohnte, in der ich bediente. Aber unter der Woche war es meist schwierig. Es war Sommer und wenn ich nirgends unterkam, schlief ich im Park. Inzwischen hatte ich auch einen Freund – mein späterer Mann. Er fuhr schon Auto und manchmal übernachteten wir zusammen in seinem Auto. Ich versuchte allerdings jeden Tag, zu Hause reinzukommen. Arbeiten? Ging ich nur noch in der Disko. Wer im Park oder im Auto übernachten muss, kann nicht morgens schick aussehen und im Frisörsalon arbeiten.

„Papi“, das war so eine Sache. Ich glaube nicht, dass ich ihm jemals was bedeutet habe, ich war nicht sein Kind. Vor vielen Dingen hat er die Augen verschlossen. Er ließ sich auch immer gerne gegen mich aufbringen. Es gab Tage, da hat er mich verdroschen, weil sie ihm irgendwas vorgelogen hat. Es hat zwei Gelegenheiten gegeben, wo er sich bei mir dafür entschuldigt hat und auch sagte, er sei von meiner Mutter angelogen worden. Ich empfand ihn – auch später noch – als gefühlskalt, als desinteressiert und gleichgültig. Ich sollte funktionieren, mehr wollte er von mir nicht. Ordnung war ihm sehr wichtig, und Sauberkeit. Solange das gut ging, hatte ich meine Ruhe vor ihm. Er hat mich nicht vor meiner Mutter beschützt, manche Dinge hat er möglicherweise auch nicht mitbekommen, denn nachträglich ist mir irgendwann klar geworden, dass diese ganzen Demütigungen und Beschimpfungen, auch Schläge von ihr, immer nur dann stattfanden, wenn er arbeiten war. Und er arbeitete viel, er war sehr fleißig. Aber ich glaube heute, alleine durch seine Anwesenheit war ich vor vielen Dingen geschützt, denn zu der Zeit, als er in Kur war, ist meine Mutter regelrecht ausgeflippt und ihr Hass gegen mich kannte keine Grenzen. Es war ja auch niemad da, der sie gestoppt hätte. Meine Großeltern wohnten zwar nebenan, sie bekamen vieles mit, aber sie wollten sich nicht einmischen, nannten mich nach wie vor ein „rebellisches Kind“ und baten mich inständig, ganz lieb zu sein, damit meine Mutti sich nicht wieder aufregen würde. Oft sahen sie einfach weg.

Kurz bevor Papi aus der Kur nach Hause kam, versuchte ich also eines Abends wieder, zu Hause rein zu kommen. Sie ließ mich sogar rein. Ihr Gesicht war aber voller Verachtung. „Du hässliche, dreckige Türkenmatratze!“, beschimpfte sie mich beim Reinkommen. Mein Freund und späterer Mann war Türke. Ich hatte ihr nichts getan! Mir immer alles gefallen lassen. Aber in diesem Moment bin ich ausgeflippt. Ich war voll auf Tabletten, ich war müde und hellwach zugleich. Ich war traurig, verstört und am Ende meiner Kräfte. Ich weiß nicht, was mich da geritten hat, aber ich rannte in die Küche und holte die Spülmittelflasche, spritzte sie mit dem Zeug voll. „Jetzt musst du dich nur noch unters Wasser stellen!“, brüllte ich. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Und sie griff nach dem Besenstil, der im Flur schon parat stand. Sie hatte wohl schon vorgehabt, mich zu verprügeln. Das tat sie übrigens zwischendurch eine ganze Kindheit lang mal ganz gerne – mir einprügeln, dass ich ein Nichts bin, dass ich ein Stück Dreck bin, natürlich bin wie mein Vater. Und das geht mit Kleiderbügeln gut, das geht auch mit Besenstilen gut. Die Besenstile nahm sie am liebsten, aber zur Not tat es auch ein Schuh, mit dem sie mich verdrosch. Es passierte nicht allzu oft, aber es passierte. Ich kann mich an hässliche, rote Schlappen erinnern und daran, dass sie mich mit aller Gewalt auf mein Bett gedrückt und immer wieder mit diesem Plastikschlappen auf meinen Po einschlug. Das war allerdings einige Jahre vorher passiert, wir lebten damals noch in der alten Wohnung und ich kann nicht älter als acht Jahre gewesen sein. Man sah die Abdrücke von diesem Schlappen noch tagelang, mein Hintern war krebsrot und schmerzte. Da muss ich ungefähr acht gewesen sein. Wie gesagt, es kam nicht oft vor, aber wenn es vorkam, dann heftig. Die Beschimpfungen und Demütigungen allerdings – die hörte ich täglich.

An diesem Abend hatte sie also schon vorgehabt, mich zu verprügeln, aber ich war schneller. Ich habe meine Mutter an diesem Abend quer durch das ganze Haus geschlagen, zwei Etagen hoch und wieder runter. Ich weiß bis heute nicht, wo plötzlich diese unbändige Wut herkam, ich bin eigentlich ein sehr sanfter Mensch. Aber an diesem Abend spürte ich nur noch Hass. Wut. Ich wollte sie umbringen, ich wollte dieser Frau den Garaus machen. Damit ich endlich Ruhe hätte! Als wir wieder unten angekommen waren, lag sie am Boden und ich war so außer mir, dass ich ihren Kopf immer wieder gegen die Wand schlug. Irgendwann riss mich mein Opa von ihr weg – meine Großeltern lebten gleich nebenan. Meine Oma schloss mich total ängstlich in meinem Zimmer ein, denn meine Mutter, kaum hatte mein Opa sie gerettet, brüllte mir nach: „Wenn du schläfst, dann komme ich rein! Ich steche dich ab wie ein Schwein, das wirst du sehen! Bestimmt quiekst du auch wie ein Schwein!“

Mein Opa knallte ihr eine – erfuhr ich später von meiner Omi. Und ich erfuhr auch, dass er ihr an diesem Abend sagte: „Wir schauen uns seit Jahren an, wie du dieses begabte, intelligente Kind bis aufs Blut quälst, wir haben dir oft ins Gewissen geredet, aber immer versucht, deine Autorität nicht zu untergraben. Jetzt reicht es, du hast genug angerichtet. Noch ein Wort und du kriegst von mir noch eine Tracht Prügel.“ Und da war sie still. Vor meinem Opa hatte sie Respekt. Jedenfalls als er noch Kraft hatte.

Meine Oma holte mich am nächsten Morgen wieder aus meinem Zimmer raus, bzw. sie versuchte es. Aber ich kam nicht auf die Beine. Die Tabletten, meine Mutter, die Vorkommnisse vom letzten Abend und aus den letzten Wochen … ich war am Ende. Ich wollte nur schlafen. Meine Omi ließ mich schlafen, brachte mir später was zum essen, aber ich verschlief es. Ich war tagelang in meinem Zimmer, sie sah regelmäßig nach mir, stellte mich unter die Dusche, brachte mich zum Klo und schloss mich wieder ein. Vorsichtshalber stellte sie mir einen Eimer ins Zimmer, falls ich zum Klo oder mich übergeben musste. Es dauerte fast eine Woche, bis ich wieder auf die Beine kam. Essen konnte ich auch nur in ganz kleinen Portionen, mein Magen war natürlich durch das wochenlange Hungern wegen der Tabletten geschrumpft. Heute weiß ich, dass ich damals eigentlich in ein Krankenhaus gehört hätte. In der Zwischenzeit war „Papi“ aus der Kur zurück und in der Küche erwartete mich sozusagen eine Gerichtsverhandlung, als ich dann mein Zimmer wieder verließ. Obwohl er mich nie beschützt hatte, war mir gleichzeitig klar, jetzt, wo er wieder da ist, würde sie sich nicht mehr an mir vergreifen. Er hat vieles durch seine Anwesenheit verhindert, sie hatte Angst vor ihm. Ob er jemals bei ihr für mich Partei ergriffen hat, wenn er mit ihr alleine war, weiß ich bis heute nicht. Aber sie traute sich nie, all das durchzuziehen, was sie täglich mit mir veranstaltete, wenn er in der Nähe war. Also fühlte ich mich einigermaßen sicher, als er wieder da war.

Ich musste ausziehen, Papi machte mir klar, am besten noch heute. Ich rief meinen Vater an und fragte ihn, ob ich zu ihm kommen darf. Das durfte ich natürlich. Mein Freund holte mich dann ab und fuhr mich zu meinem Vater – eine einstündige Fahrt. Dort blieb ich aber nicht lange. Ich hielt es nicht aus, ich fühlte mich einsam, mein Vater behandelte mich wie ein kleines Mädchen – ich hatte keine Freunde dort. Klar, wir hatten überhaupt keine Beziehung zueinander. Die ergab sich erst später. Und ich vermisste meinen Freund. Nach ein paar Tagen zog ich wieder aus, zu meinem Freund. In eine türkische Familie. Das war stellenweise wirklich heftig, aber … es war eine Familie und das war etwas, was ich überhaupt nicht kannte. Jedenfalls nicht so! Ich bekam täglich was zum essen. Meine spätere Schwiegermutter wusch meine Wäsche, drückte mir gebügelte Klamotten in die Hand. Sie kaufte mir auch das eine oder andere, weil sie mich für ein armes Kind hielt, um das sich nie einer gekümmert hatte – was ich ja auch war. Sie hatte Mitleid mit mir. Aber sie konnte auch ein schrecklicher Besen sein. Aber grundsätzlich liebte ich sie.

Deswegen ist mir auch meine Trennung von meinem späteren Mann so schwer gefallen, denn ja, nun sollte ich wohl von den Männern in meinem Leben erzählen.

Mein erster Mann, der türkische junge Mann, ist der Vater meiner Kinder. Mein erstes Kind habe ich mit zwanzig bekommen, vorher waren wir bereits in eine eigene Wohnung gezogen und hatten geheiratet. Ich weiß nicht, ob er narzisstisch ist, aber in der eigenen Wohnung hat er dann eigentlich fortgesetzt, was meine Mutter begonnen hatte. Er schlug mich, wenn ich Widerworte gab oder wenn er sich ärgerte. Er beschimpfte mich. „Du mit deinem fetten Schweinekopf“ – an diesen Spruch kann ich mich gut erinnern, der kam oft. Ich wurde zwar nicht eingesperrt, konnte auch mal mit einer Freundin ausgehen, aber prinzipiell schlug er mich zwischendurch immer mal, erst gab es Ohrfeigen, später dann richtige Prügel. Danach heulte er und bat mich um Verzeihung, versprach mir, sich zu ändern. Als ich mein drittes Kind bekommen hatte, verließ ich ihn kurz danach. Das Baby war drei Wochen alt, meine Tochter war sechs Jahre alt und mein mittlerer Sohn zu dieser Zeit zwei Jahre. Ich verließ ihn nicht, weil er mich schlug, sondern weil er immer einen Hang zu Drogen gehabt hatte. Zu dieser Zeit war er voll auf Heroin. Mein Hauptgrund war aber, dass er sich, wahrscheinlich begründet durch seine Drogen, inzwischen an unserer Tochter vergriff und sie geschlagen hatte. Nur ein einzgies Mal, aber das war mir schon zu viel, ich hielt ihn auch zurück schlug ihn in meinem Zorn an die Wand. Ich bin nie für mich selbst eingetreten, aber niemand sollte meine Kinder schlecht behandeln. Zu unserem Jüngsten, der erst ein paar Wochen alt war, verhielt er sich eher neutral, sprach immer von Liebe, ignorierte unser Baby aber mehr oder weniger. Der Mittlere, inzwischen zwei Jahre alt, durfte ihn kaum ansprechen, ohne dass er ausflippte. Er arbeitete schließlich den ganzen Tag und wollte abends Ruhe haben. Ich ertrug das nicht und warf ihn raus.

Ich bekam drei Jahre lang Sozialhilfe, ich hatte ja niemanden, der meine Kinder betreute. Meine Mutter war inzwischen auch von Papi geschieden. Nie und nimmer hätte ich ihr meine Kinder anvertraut, aber sie war weit weg gezogen und hatte meine Großeltern mit sich geschleift. Und meine Schwester. Ich war mutterseelenalleine. Als mein jüngstes Kind drei Jahre alt war, suchte ich mir einen Job und begann in der Altenpflege zu arbeiten. Ich hatte inzwischen den Führerschein gemacht. Hatte mir ein Auto zusammengespart. Meine Kinder wurden in der Kita betreut und im Hort – die Kleine ging ja schon zur Schule.

Die nächsten Männer? Ein erster Freund nach der Scheidung. Ein netter Kerl aus gutem Haus, mit einer, wie ich heute weiß, narzisstischen Mutter. Er hatte ein großes Problem mit Nähe und Zuwendung. Er konnte sie nicht geben und wollte sie nicht haben. Bis er bei mir einzog – er stand einfach mit gepackten Koffern vor der Tür – tat er aber noch so, als ob. Dann nicht mehr. Er war aber wenigstens nett. Nur konnte ich so nicht leben. Ich brauchte Liebe! Und er – lebte außerdem auf meine Kosten. Er hatte ein Ziel vor Augen, wollte sich selbstständig machen, und dafür sparte er. Ich zahlte alles. Zwei Jahre ging das so. Zumindest unterstützte er mich zu Hause und mit den Kindern. Man kann es Blödheit nennen, denn dicke hatte ich es auch nicht. Aber er half im Haushalt und kümmerte sich wirklich lieb um meine Kinder, in meinem Beisein, aber auch ohne mich. Er holte sie manchmal vom Hort ab und meine Kinder mochten ihn sehr. Ich war einfach dankbar. Ein Schaden, der sehr lange bei mir geblieben ist. Ich habe schon immer sehr viel für andere Menschen getan und nie weiter drüber nachgedacht. Aber kaum tat mal jemand was für mich, war ich unangemessen dankbar. In diesem Fall konnte man nur von einem ganz normalen „sich einbringen“ reden, aber: Das war ja in meinen Augen schon unendlich viel und keinesfalls normal in meiner Welt. Nach zwei Jahren machte ich Schluss und er musste ausziehen.

Der nächste Mann, meine große Liebe. Ein toller Mann – dachte ich. Narzisst durch und durch, aber ich brauchte (nach der Trennung) lange, um das zu verstehen. Er vergötterte mich und ich ihn. Mit Hilfe von emotionaler Erpressung erreichte er alles, was er sich von mir erhoffte und ich merkte es nicht – ich reagierte wie gewünscht. Nach sechs Jahren zog er mit mir zusammen, denn er war natürlich ohnehin täglich bei mir – außer wenn er sauer auf mich war, dann sah ich ihn tagelang nicht und er sprach auch am Telefon nicht mit mir. Ging nicht dran. Er jobbte einfach nur herum, begann dann irgendwann ein Studium und zog zu mir. Ich bezahlte alles, und das war nicht wenig, denn der Herr wünschte jeden Tag ein ordentliches Dreigänge-Menü mit Fleisch und allem drum und dran.

Inzwischen verstarb mein Vater. Ich machte eine Ausbildung, eine Umschulung. Die musste ich selbst zahlen, weil ich Geld geerbt hatte. In dieser Zeit musste ich auch für meinen Lebensunterhalt selbst aufkommen. Mein Elternhaus war unter den Hammer gekommen, aber die Geier aus Amerika, die sich nie gekümmert hatten und eigentlich längst ausgezahlt waren – was sich aber nicht beweisen ließ – wollten ihre Anteile. Ich kaufte die Möbel für das gemeinsame Leben, ich zahlte die Miete, ich kam für Kaution und Umzug in eine größere Wohnung auf. Ich arbeitete, lernte, ich machte den Haushalt, kümmerte mich um die Kinder. Er fasste zu Hause nichts an, ließ sich bedienen, war immer schlagskaputt von irgendwas. Als wir zehn Jahre zusammen waren, hatte ich meine Ausbildung zwar in der Tasche, arbeitete aber wieder in der Pflege. Warum? Weil es ihm stank, dass ich im Büro arbeitete. Ich musste mich da ziemlich engagieren. Länger bleiben. Früher hingehen. Er hätte das auffangen können, war ja schließlich zu Hause. Aber er wollte sich nicht um die Kinder kümmern, erklärte mir auch, warum das nicht geht – er arbeitete nämlich zu Hause und ihm blieb für gar nichts Zeit. Nein, eine Mutter muss zu Hause sein und sich kümmern, um den Haushalt und die Kinder. Es reicht, wenn einer Karriere macht und ich sollte ihn darin unterstützen – eines Tages könnte und würde er alles zurückgeben. „Es reicht, wenn du irgendeinen Job machst“, sagte er. Ich ging wieder in die Pflege, das war gut bezahlt und ich konnte Teilzeit arbeiten. Mein ganzes Geld ging drauf, ich zahlte alles, was anfiel. Er sparte „für uns“. Ich durfte niemandem erzählen, dass ich in der Pflege arbeitete. „Du putzt Scheiße und Pisse weg“, sagte er mir eines Tages, und er wirkte so verächtlich … „Das muss wirklich niemand erfahren. Das ist peinlich.“

Als wir 14 Jahre zusammen waren, war es dann soweit. Er verdiente einen Haufen Geld und verließ mich. Das Geld, das er für „uns“ gespart hatte, nahm er mit. Die Immobilien, die er als Kapitalanlage gekauft hatte, liefen auf seinen Namen. Drei Jahre vorher war ich mal ausgetickt, daraufhin hatte er versprochen mich zu heiraten. Aber das hat er nie getan und schließlich war er weg – er machte Schluss und ließ mich in einer Wohnung sitzen, in die er kurz vorher noch umziehen wollte und die ich alleine nicht zahlen konnte. Mit Schulden, denn ich hatte ein überzogenes Konto durch eine kurze Flaute in seinem Job ein paar Monate vorher … und er von mir verlangte, dass ich vom Konto holte, was nur ging, um seine Flaute auszugleichen. Ich musste also mein Konto ausgleichen, musste umziehen, musste klarkommen. Er war einfach weg und nicht mehr greifbar. Ich erfuhr Monate später bei meinem Umzug, als ich seine Sachen packte, die er dann auch in einer Blitzaktion abholte, dass er schon seit längerer Zeit ein Verhältnis hatte. Ich habe sehr lange unter dieser Trennung gelitten. Nicht weil er mich verlassen hat – sondern „wie“. Natürlich habe ich ihn lange vermisst und oft geweint, auch Jahre später noch. Aber dass er mich wie einen Sack Müll aus einem Leben geschmissen hatte, war für mich das Schlimmste.

Der Mann danach kam schon ein Jahr nach der Trennung. Monatelang lief er mir nach, versprach mir hoch und heilig die große Liebe. Wusste, was ich hinter mir hatte, versprach mir monatelang, mit ihm würde es mir gut gehen, auf ihn könnte ich mich verlassen, er würde mich niemals verletzen. Und dann, nach über sechs Monaten, gab ich nach. Ich fand ihn ja auch toll. Vier Wochen später machte er Schluss, per Email. Er hätte seine Ex wieder getroffen, schrieb er. Sie bedeutet ihm alles. Zwei Wochen später stand er wieder auf der Matte, bat mich um Verzeihung, erklärte mir, er sei sehr verwirrt gewesen, erzählte mir was von Lebenskrise. Ich nahm seine Entschuldigung an, denn er bat mich um einen Neuanfang. Ein paar Tage später waren wir zusammen auf einem Konzert. Er lernte dort in meinem Beisein eine andere Frau kennen, ignorierte mich den ganzen Abend, tat als würde er mich nicht kennen und sorgte dafür, dass ich sehen musste, wie er sie küsst. Während er sie hemmungslos knutschte, sah er immer wieder zu mir rüber und lachte. Ich war zutiefst verletzt, aber ich ließ es mir nicht anmerken, zeigte ihm, dass ich mich prächtig amüsiere.

Ich machte Schluss, fuhr nach Hause. Er hat sich jahrelang immer kurz vor Weihnachten wieder gemeldet, viele Jahre lang. Schickte mir Fotos von sich, wollte mit mir reden über alles Mögliche. Ich hatte ihn längst überwunden und dachte mir nie viel dabei, aber irgendwann war ich recht gut über Narzissmus informiert und hatte von genau diesem Spiel bereits viel gelesen. Ich verbat mir in sehr scharfem Ton jede weitere Nachricht von ihm und teilte ihm mit, was er in meinen Augen ist: Ein jämmerlicher Versager, der es nötig hat, sich besser zu fühlen, indem er andere Menschen verletzt. Dass ich aber schon vor langer Zeit begriffe habe und ihn nur noch lächerlich finde. Er trieb dieses Spiel übrigens jahrelang und ich habe es gewertet als „wir bleiben Freunde“. Diese scharfe Nachricht von mir hat er erst vor ein paar Monaten bekommen, und das war immerhin zehn Jahre nach dem Desaster, das er bei mir angerichtet hat.

Der nächste Mann war ein Narzisst mit psychopathischen Zügen. Nach einem halben Jahr Lovebombing ließ ich mich dummerweise überreden, mit ihm zusammen zu ziehen. Und schon am ersten Tag im gemeinsamen Haus zeigte er mir, wer er ist. Nach wenigen Monaten war ich nur noch ein Wrack. Beschimpfungen waren an der Tagesordnung, ich konnte ihm nichts recht machen. Ich hatte nur noch Angst, rund um die Uhr. War nicht mehr arbeitsfähig – ein Problem, da ich zu dieser Zeit selbstständig war. Er verlangte von mir Geld oder ich musste alles mögliche bezahlen, tat ich das nicht, wurde ich bestraft. Er ignorierte mich tagelang, er sprach kein Wort mit mir und sah mich nicht. Er demütigte mich täglich, schrieb mir von seinem Zimmer aus E-Mails in geschäftlichem Ton, in denen er mir mitteilte, wie ich mich zu verhalten hätte. Er riss mich nachts aus dem Schlaf, weil ich seiner Meinung nach das Badezimmer nicht ordentlich geputzt hatte und zwang mich, es mitten in der Nacht noch einmal zu putzen. Während ich das zähneknirschend tat, um irgendwann wieder Ruhe zu haben, stand er hinter mir und gab Anweisungen. Als ich fertig war, tätschelte er meinen Arm und sagte: „Du lernst das noch, nach meinen Regeln zu leben. Aber wenn dir das nicht gefällt, kannst du ja wieder in die Gosse zurückgehen, aus der du kamst.“ Meine Kinder waren übrigens längst erwachsen und lebten nicht mehr bei mir. Nur mein Jüngster war für einige Monate mitgezogen, aber ich schaffte ihn dann aus der Schusslinie und brachte ihn bei einer Freundin unter. Er zog von da aus in ein betreutes Wohnen und von dort aus in eine eigene Wohnung. Es ging nicht anders. Er war eigentlich volljährig, aber er war noch nicht so weit. Und das war das Schlimmste für mich, dass ich nicht mehr in der Lage war, meinem Kind das zu geben, was es brauchte. Die gleichen Gedankengänge galten dem Großen, der sich auch irgendwie durchschlagen musste. Es hatte kurz vor meinem Umzug Streit gegeben. Ich war nicht in der Lage, mich um meine Kinder zu kümmern, ihnen zu geben was sie brauchten und das war das Allerschlimmste was ich jemals erlebt habe. Persönlich war ich allerdings schon weiter als in meinen vorherigen Beziehungen. Wäre es mir möglich gewesen, hätte ich diesen Mann schon wenige Tage nach dem Zusammenziehen verlassen. Aber es war mir finanziell nicht möglich. Der Umzug hatte mich all meine Reserven gekostet, meine Arbeitsunfähigkeit, die sehr schnell einsetzte, stand mir auch im Weg, denn ich verdiente kaum noch was, und was ich verdiente, das nahm er mir. Ich sah lange keinen Ausweg. Ausgezogen bin ich letztlich ohne einen Cent in der Tasche, weil die Verzweiflung so groß war, dass ich lieber verhungern und unter einer Brücke schlafen wollte, als DAS weiterhin mitzumachen.

Seitdem sind einige Jahre vergangen. Ich hatte letztes Jahr noch mal das vermeintliche Glück und habe einen Mann kennen gelernt, der sehr leidenschaftlich war, mit dem ich das Gefühl hatte, eine Zukunft wäre möglich. Aber … nach wenigen Wochen verlangte er, dass ich bei ihm einziehe (er baute gerade ein Haus). Als ich das ablehnte und ihm mit Hinweis auf meine bisherige Geschichte erklärte, dass ich dafür ein paar Jahre gut laufende Beziehung voraussetze, schwieg er beleidigt. Tagelang. Das kannte ich schon und ich nahm es lächelnd zur Kenntnis. Ich merkte, dass ich innerlich stärker geworden bin und nicht mehr auf so was reinfalle. Irgendwann tauchte er wieder auf, stritt ab, mich ignoriert haben, erzählte mir, er hätte viel arbeiten müssen. Aber dann war er bei mir und meine Katzen störten ihn. Mein Hund allerdings störte ihn noch viel mehr. Hunde leben seiner Meinung nach auf dem Hof und fressen Abfälle. Ich habe ihm gezeigt, wo die Tür ist.

Seit einigen Jahren lebe ich mit meinem besten Freund zusammen. Das klappt. Der Sex hat nicht geklappt, es funktioniert einfach nicht. Wir haben es anderthalb Jahre lang versucht, eine „richtige“ Beziehung zu führen, aber es ging einfach nicht. Als bester Freund ist er aber unschlagbar und offenbar hängt auch er an mir. Wir haben ähnliche Interessen und machen vieles gemeinsam. Er unterstützt mich in vielen Belangen, vor allem in meiner kreativen Arbeit, da er auch aus diesem Bereich kommt. Wir kochen abwechselnd, wir putzen zusammen, wobei das bei ihm weniger gut klappt, aber er gibt sich Mühe. Jeder hat sein eigenes Geld, wir teilen uns die Kosten. Nach außen hin sind wir ein Paar und irgendwie sind wir das auch, nur eben hat jeder sein Zimmer und wir schlafen natürlich auch getrennt. Er mag meine inzwischen erwachsenen Kinder, sie mögen ihn, er kommt mit meiner Tierliebe klar und liebt meine Tiere. Wir sind irgendwie Familie geworden und ich habe für mich persönlich begriffen, dass das viel wichtiger ist als guter Sex. Ich brauche jemanden, der mit mir auf einer geistigen Ebene harmoniert. Intellektuell.

Mehr interessiert mich nicht mehr. Ich suche keine Nähe mehr. Ich tobe mich kreativ aus, gehe arbeiten, versuche jetzt, Jahre nach dem letzten Narzissten, dem mit den psychopathischen Zügen, immer noch, meine Finanzen in den Griff zu kriegen und es ist schwer, wieder auf die Füße zu kommen mit einer solchen Vergangenheit. Ich bin jetzt über fünfzig und kurz nachdem ich den Psychopathen verlassen habe, brach bei mir eine chronische Erkrankung aus. Eine Psychologin sagte mir, das sei ja nur eine Frage der Zeit gewesen, dass mein Körper irgendwann aufschreit und einfach nicht mehr will. Nach dieser Kindheit, nach diesen Kraftakten mit den Männern in meinem Leben. Man kann mit der Krankheit leben und ich bin inzwischen recht gut eingestellt, aber ich habe nicht mehr die Kraft, mehr als einen Teilzeitjob zu machen. Die Erkrankung äußert sich auch in Schüben und so ist das auch mit den Medikamenten immer ein ständig wiederkehrendes „einstellen“. Daneben bin ich noch kreativ tätig, aber von zu Hause aus.

Resümee: In den letzten Jahren habe ich mehrere Bücher geschrieben, Sachbücher unter meinem Namen, Romane unter Pseudonym und noch einige andere Sachen. Mit Männern habe ich nichts mehr am Hut. Ich hasse sie nicht, aber ich will nicht, dass mir einer näher kommt. Ich lebe für meine Tiere, meine Arbeit, meine Kreativität. Ich habe gute Freunde und bin inzwischen sogar wirklich glücklich und zufrieden. Mir fehlt nichts. Es gibt eine Frau, die mir viel bedeutet, mit der ich mich mal an mehreren Abenden sehr leidenschaftlich und zärtlich geküsst habe. Zu mehr ist es nie gekommen, denn ich bin nicht in der Lage, sie näher an mich heranzulassen. Ich kann das alles einfach nicht mehr.

Meine Kinder: Mit meinen Söhnen habe ich ein sehr liebevolles Verhältnis, aber wir sehen uns leider selten, weil wir weit entfernt voneinander leben. An diesem liebevollen Verhältnis haben wir aber auch Jahre gearbeitet. Wir alle waren emotional zerstört, jeder war auf irgendeine Weise verletzt und es gab mit beiden immer längere Schweigephasen. Inzwischen ist das Verhältnis sehr gut und auch wieder voller Emotionen. Es war harte Arbeit. Meine Tochter ist eine Geschichte für sich. Sie hat wohl zu viel miterlebt, als ich noch mit ihrem Vater verheiratet war. Sie hat sich von ihm beeinflussen lassen, gegen mich. Ich habe sie verloren. Sie will mit mir nichts mehr zu tun haben. Mit ihrem Vater hat sie ein herzliches Verhältnis und merkt einfach nicht, was alle sehen: Er hält sie auf Distanz. Das Verhältnis klappt nur, weil sie nie versucht hat, zu ihm zu ziehen. Sie ist verheiratet und hat mehrere Kinder. Ihre Ehe ist schwierig, wenn es Krisen gibt, ist mein Exmann derjenige, der ihr klarmacht, dass sie bei ihrem Mann zu bleiben hat. Das macht er nicht, weil er ihren Mann so toll findet, sondern damit sie nicht auf die Idee kommt, bei ihrem Vater bleiben zu wollen. Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben, dass meine Tochter eines Tages wieder den Weg zu mir findet, obwohl ich ehrlich gesagt aus der Ferne und auch aus ihrer Kindheit sagen muss: Meine Tochter verhält sich wie meine Mutter. Sie lügt, sie betrügt, sie klaut. Sie verdreht die Tatsachen, sie beschuldigt andere Menschen für alles, was in ihrem Leben nicht klappt. Phasenweise hatten wir Kontakt und beim letzten Mal schmiegte sie sich weinend an mich und sagte, ich würde ihr furchtbar fehlen. Kurz danach verschwand sie sang- und klanglos aus meinem Leben und hat alle Telefonnummern und sogar ihre Adresse gewechselt. Ich weiß nicht mal, wo sie lebt. Meine Söhne sind der Meinung, es täte uns allen gut, keinen Kontakt mit ihr zu haben, denn sie hat auch bei ihren Brüdern viel angerichtet. Ihnen Schulden verursacht, durch diverse Betrügereien. Ich weiß, dass meine Tochter inzwischen auch vorbestraft ist.

Mit meiner Schwester habe ich schon lange ein sehr herzliches Verhältnis, aber leider sehen wir uns selten – wir leben zu weit voneinander entfernt. Aber wir telefonieren oft. Meiner Schwester geht es mit Männern übrigens auch nicht anders als mir, sie geriet immer nur an Narzissten und lebt seit ihrer letzten Trennung vor ein paar Jahren alleine. Manchmal flirtet sie noch, aber das ist immer schnell wieder vorbei, weil … sie stets aufs Neue erkennt, dass sie immer wieder „an Solche“ gerät.

Meine Mutter. Sporadisch hatten wir immer mal wieder Kontakt, manchmal länger, manchmal kürzer. Meist suchte sie den Kontakt zu mir, wenn meine Schwester sich von ihr distanziert hatte. Und umgekehrt. Beim letzten Mal war sie gerade völlig abgebrannt und frisch getrennt. Ich war gerade vom Psychopathen getrennt und sie zog bei mir ein, wusste nicht wohin sonst in dieser Zeit. Sie wollte mir vorschreiben (ich war 46 Jahre alt) wann ich ausgehen durfte. Was ich essen muss. Was ich anzuziehen habe. Mit wem ich reden darf. Wie ich mich frisieren soll. Welche Filme ich mir anschauen darf. Als das alles nicht klappte, weil ich mir von ihr nichts sagen ließ, verfolgte sie mich wieder mit dem bereits bekannten Hass – in meinen eigenen vier Wänden! Und dann plante sie ihren Auszug. Ich bekam zufällig heraus, dass sie vorhatte, mir während meiner Arbeitszeit das Haus auszuräumen und einfach abzuhauen. Die paar Möbel, die mir noch geblieben waren, die Waschmaschine oder all die Sachen, die ich mir mühselig und gebraucht wieder angeschafft hatte – die wollte sie komplett mitnehmen. Wäre ihr Plan aufgegangen, so wäre ich drei Monate nach meiner Flucht von diesem Psychopathen nach der Arbeit in mein eigenes (gemietetes) Haus gekommen – und es wäre leer gewesen. Sie hatte bereits einen Möbelwagen klar gemacht und ein paar Männer angeheuert, die das alles übernehmen sollten. Sie wollte einfach verschwinden – mit allem, was ich besaß, auch wenn das nicht mehr viel war. Sogar die Einbauküche und die Waschmaschine wollte sie mitnehmen, habe ich erfahren. Ich habe sie mit polizeilicher Unterstützung an die Luft gesetzt und jetzt seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr. Ich will sie nie wieder sehen – und meine Schwester will sie auch nie wieder sehen. Wir haben uns, mehr ist halt nicht drin. Wobei meine Schwester noch ihren Vater hat und ihre Halbschwester – das kleine Mädchen, dem meine Mutter die Zunge abschneiden wollte. Und ich habe meine Söhne, die ich alle zwei bis drei Monate sehe. Meist dann wenigstens für ein ganzes Wochenende.

Unsere Mutter hat übrigens nie eine Ausbildung gemacht, weiß ich heute. Behauptet hat sie immer, sie sei technische Zeichnerin. Gearbeitet hat sie nur sporadisch, wenn, dann im Verkauf. Manchmal hatte sie Jobs als Bürogehilfin. Keinen Job hatte sie lange. Entweder hat sie geklaut oder fachlich Mist gebaut, meist beides. Als wir das letzte Mal miteinander sprachen – das ist ja ein paar Jahre her – war sie bereits Rentnerin. Sie lebte von der Rente ihres verstorbenen Mannes (dem letzten ihrer Ehemänner, gute Beamtenpension) und einer privaten Rente, die sie vor vielen Jahren mal abgeschlossen hatte, weil mein Opa darauf bestanden hat. Sie war mehrfach verheiratet, hat sich immer wieder scheiden lassen. War sie nicht verheiratet, trennte sie sich irgendwann wieder oder wurde verlassen, meist dann, wenn ihr ganzer Mist an die Oberfläche kam. Sie wurde fast immer von dem Mann an ihrer Seite – wer auch immer das gerade war – ernährt. Mir hat sie beim letzten Mal erzählt, sie sei Chefsekretärin gewesen und hätte auch Auszubildende ausgebildet. Was ja wohl nicht sein kann, angesichts ihrer beruflichen Laufbahn. Sieht man genau hin, erkennt man: Sie hat keinen ordentlichen Abschluss. Sie hat keinen Beruf gelernt. Sie hat maximal zehn Jahre ihres Lebens gearbeitet, aber nicht am Stück, sondern insgesamt, wenn man die Zeiten addiert. Sie hat Zeit ihres Lebens schmarotzt. Sie hat geklaut. Sie hat gelogen und betrogen. Jedem Mann, mit dem sie zusammen war, hat sie einen Haufen Schulden verursacht. Versandhausbestellungen, alle möglichen Betrugsaktionen. Auch meine Mutter ist vorbestraft. Sie hat es abgestritten, aber es gibt Beweise. Sie hat meiner Schwester Schulden verursacht und mir auch. Wir haben das abgezahlt, aber das darf nie mehr passieren.

Bei meiner Schwester und mir hat sie stets die Wahrheit verdreht. Was mir alles passiert ist, bilde ich mir ein, weil ich eine lebhafte Fantasie habe. Was sie mir – oder auch meiner Schwester – angetan hat, ist überhaupt nicht wahr, ist nie passiert.

Unsere Mutter ist über siebzig, aber sie hat ein Faible für Pornos. Als sie das Internet entdeckte, muss das für sie das Paradies gewesen sein. Als meine Schwester noch bei ihr wohnte, fand sie sogar Kinderpornografie in Mutters Schrank. Das war lange bevor das Internet so normal in jedem Haushalt wurde. Unsere Mutter flirtet im Internet und sie hat wohl viel für Sex übrig. Sie biedert sich an.

Sie hat versucht, bei den Männern in meinem Leben zu landen, aber sie will hinterher sagen können, dass der Mann sich an ihr vergriffen hat und nicht umgekehrt. Daher sitzt sie dann einfach mal nackt im Wohnzimmer oder sonstwo, wenn sie weiß, dass sie zwangsläufig gesehen werden muss. Mein bester Freund, der heute mit mir zusammenlebt, hat sie so sehen müssen. Mitten in der Nacht, nackt im Esszimmer. Sie hat ihn auffordernd angegrinst. Meine Schwester weiß, dass sie nachts bei Licht nackt in der Wohnung rumläuft und sich begaffen lässt von der Nachbarschaft. Immer noch. Wir beide haben auf der Kamera unserer Mutter Bilder gefunden – sie kam mit der Technik nicht klar und bat mich, wie auch später mal meine Schwester, diese zu löschen. Auf dieser Kamera waren Fotos von ihren Geschlechtsteilen zu sehen, von ihr in Reizwäsche vor dem Spiegel, von ihren Brüsten. Ich sprach sie damals darauf an, sagte ihr, dass mir das peinlich ist, diese Bilder zu sehen und ob sie vergessen hat, dass die da drauf waren? Sie lachte nur und meinte, ich sei schon immer so spießig gewesen.

Als sie bei mir lebte, es waren ja Gott sei Dank nur ein paar Wochen, tauchte sie im durchsichtigen Oberteil im Garten auf, unterhielt sich stundenlang mit dem Nachbarn und dabei holte sie ihre Brüste aus dem BH. Sie ist übergewichtig, sie ist über siebzig Jahre alt und sie scheut sich nicht davor, solche Bilder durch das Internet zu jagen, wildfremden Männern zu schicken und hat auch kein Problem damit, dass wir diese Bilder zu Gesicht bekommen haben. Sie hat sich nicht davor gescheut, den Mann meiner Schwester anzugraben und ihm gleichzeitig zu erzählen, meine Schwester sei da halt ein bisschen komisch, aber er könnte ja mit ihr … Anders herum erzählte sie meiner Schwester, ihr Mann hätte sie angesprochen und sich einen Dreier gewünscht mit meiner Schwester und ihr, seiner Schwiegermutter. Das war direkt, nachdem ich meine Mutter mit Polizeigewalt aus dem Haus geworfen hatte. Meine Schwester und ich hatten zu dieser Zeit keinen Kontakt, meine Mutter kam damals bei meiner Schwester unter. Monate später hat mein Schwager meine Mutter rausgeworfen, und die Ehe meiner Schwester ist an solchen und einigen anderen Dingen zerbrochen. Nicht mit allem hatte meine Mutter zu tun, meine Schwester gerät ja auch immer wieder an „Solche“.

Diese Sehnsucht nach der Mutter, die uns beide ein Leben lang gequält hat, diese Gedanken, dass vielleicht doch nicht alles so schlimm war, wie wir es in unseren Erinnerungen tragen, all das haben wir nicht mehr. Warum? Weil wir beide die heilsame Gelegenheit hatten, als längst erwachsene Frauen noch einmal ganz deutlich zu erleben, dass nichts von all dem aus unserer Kindheit Einbildung gewesen ist. Im Gegenteil – es war sogar alles noch viel schlimmer, als wir es uns jahrelang eingeredet haben.

Wir hoffen jetzt nur noch, dass unsere Mutter nicht eines Tages pflegebedürftig wird, denn dafür noch aufkommen zu müssen, wäre die Höchststrafe für meine Schwester und mich. So hart es klingt, aber wir hoffen beide, dass sie einfach nur tot umfällt eines Tages. Wir wollen kein Erbe haben, wahrscheinlich erben wir ohnehin nur Schulden, wir wollen nichts aus ihrem Besitz und kein Erinnerungsstück. Wenn wir gezwungen werden, uns um ihre Beerdigung zu kümmern, werden wir sie einäschern lassen und ihre Urne irgendwo verscharren. Das klingt bösartig, aber mehr haben wir für sie nicht übrig. Wenn wir nicht verpflichtet werden können, uns um ihre Beerdigung zu kümmern, werden wir es auch nicht tun.

Nun besteht noch die Frage nach unseren Großeltern. Sie wurden alt und pflegebedürftig. Natürlich kümmerte unsere Mutter sich „rührend“ um sie. Das jedenfalls behaupteten meine Großeltern immer. Sie zog ständig um, lebte immer weit weg von mir und meine Großeltern mussten immer mit umziehen. Als sie pflegebedürftig wurden, hatte ich keine Chance zu helfen. Uns trennten 800 Kilometer. Unsere Mutter hat sich aber prima gekümmert – ich habe viele Jahre später erfahren, dass sie das Konto leer geräumt hat, Rechnungen nicht bezahlt wurden und meine Großeltern sogar gehungert haben, weil kein Geld mehr da war. All das habe ich nicht gewusst, sonst wäre ich eingeschritten. Wir haben zwar oft telefoniert, aber meine Großeltern behaupteten immer, alles sei prima. Nie haben sie sich beklagt. Dass sie hungern mussten, wusste ich wirklich nicht. Als sie starben, kurz nacheinander, ließ meine Mutter meinen Opa einäschern und anonym beerdigen. Meine Oma stellte sie der Berliner Charite zur Verfügung – zu Forschungszwecken, und sie behauptete, meine Oma hätte das so gewollt. Ich weiß, dass es nicht so ist. All das verzeihen meine Schwester und ich ihr nicht, niemals.

Meine Großeltern haben aber, als sie schon alt und senil waren,zugegeben – bei mir, und das war mir sehr wichtig – dass sie immer wussten, wie meine Mutter mit mir umgeht. Es tat ihnen im Alter weh, dass sie nie eingeschritten sind. Es tat ihnen weh, dass sie mir nie geholfen haben. Und trotz allem standen sie bis zum Schluss immer hinter meiner Mutter. Ich habe mich sehr oft im Stich gelassen gefühlt, obwohl ich wusste, dass meine Großeltern mich über alles liebten. Aber sie waren damals der Meinung, man müsste den Dingen ihren Lauf lassen – und mein Opa gab in einem unserer letzten Gespräche zu: „Wir haben uns auch fast alles schön geredet.“

Ich hatte mein ganzes Leben lang ein Problem damit, „nein“ sagen zu können. In all meinen Beziehungen hatte ich immer das Gefühl, ganz besonders viel dafür tun zu müssen, dass ich geliebt werde. Ich hatte oft das Gefühl, Liebe nicht zu verdienen. Ich hatte sehr lange ein sehr schlechtes Selbstbewusstsein. Ich hielt mich lange für hässlich. Ich glaubte oft, für manche Dinge nicht schlau genug zu sein. Traute mich kaum, mich auf manche Jobs zu bewerben, immer im Glauben, ich bin nicht gut genug, ich bin nicht schlau genug. Und so habe ich mich mein ganzes Leben lang weit unter meinem Wert verkauft, sowohl im Arbeitsleben als auch in meinen Beziehungen. Ich konnte nie gut Dinge annehmen, aber ich habe immer gerne gegeben. Wenn ich etwas bekam, egal ob auf menschlicher oder materieller Ebene, hatte ich immer ein ganz unangemessenes Gefühl von Dankbarkeit in mir, ich fühlte mich nie wohl damit, Dinge anzunehmen. Ich war selten in der Lage, mich gut wehren zu können, ich hatte immer Beziehungen, in denen meine Wahrnehmung angezweifelt und die Wahrheit verdreht wurde. Ich habe immer Entschuldigungen für meine Partner gefunden, mich selbst aber oft für den geringsten Fehler fertig gemacht. Ich hatte immer Trost für andere übrig und jede Menge Verständnis, wenn Dinge nicht geklappt haben, aber ich selbst konnte mir meine Fehler oder Dinge, die ich nicht schaffte, nie verzeihen. Ich habe sehr mühselig lernen müssen, und beherrsche es erst seit wenigen Jahren, auf meinen Bauch zu hören und meiner eigenen Wahrnehmung zu trauen.

Vor mehr als zehn Jahren hatte ich gute Freunde, die Psychologie studierten und kurz vor dem Abschluss standen. Sie wussten nicht viel von all dem, was ich hier erzählt habe, von meiner Kindheit, meiner Mutter – eigentlich eher gar nichts, weil ich darüber nicht sprach. Aber sie fragte mich damals, ob ich bereit wäre, an einer Studie teilzunehmen, die sie für ihre Abschlussarbeit brauchten. Danach sagten sie mir, ich sei hochsensibel und eine Vollblutempathin. Ich spüre Stimmungen. Man muss mich also nicht anschreien, um mir zu zeigen, dass man mich nicht mag oder sauer auf mich ist, ich spüre das alles. Glücklicherweise spüre ich auch die positiven Gefühle anderer Menschen und die überwiegen. Als ich das erfuhr, wagte ich es – Jahre später – damit zu beginnen, auf meine Intuition zu vertrauen. Seither geht es mir viel besser.

Danke Mutter, für eine qualvolle Kindheit voller narzisstischem Gift, und all dem, was daraus entstanden ist. Leb wohl und wenn du eines Tages Hilfe brauchst – komm damit bloß nicht zu mir. Ich habe dich schon vor Jahren beerdigt.

–  eine schreckliche Geschichte , die bis ins Mark geht. Danke für deinen Mut und dass du die Geschichte mit uns geteilt hast!

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Hilfreiche Literatur:

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von Anders Noren.

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