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Trauma Bindung – Wenn man sich nicht trennen kann

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Stellt euch folgendes vor:  Nach langer langer Zeit trefft ihr euch mal wieder mit einem alten Freund (hier: weiblich oder männlich). Ihr habt ihn ewig nicht gesehen. Seit er mit seinem neuen Partner zusammen ist, bekommt man ihn kaum mehr zu Gesicht. Aber heute endlich, lasst ihr eure Freundschaft wieder aufleben. Aber euer Freund sieht ausgemergelt aus. Seine Augen sind leer, die Stimme ganz leise. Wo ist denn nur euer sonst so lebenslustiger, charismatischer Freund hin? Ihr sprecht ihn also darauf an. Was er euch erzählt ist unfassbar schlimm.  Allem Anschein nach wird er in der Beziehung sehr schlecht behandelt, psychisch immer wieder runter gemacht und sogar vor Gewalt scheint der neue Partner nicht zurück zu schrecken.  Ihr seid entsetzt. Wollt ihm helfen, ratet ihm vielleicht zu einem Experten zu gehen oder sich gar zu trennen. Und dann fällt der Satz um den es hier heute geht:

Naja es ist komisch. Er hat mir so viel angetan. Mich an diem Grenze meiner Belastbarkeit gebracht. Ja sogar betrogen hat er mich.. aber dennoch liebe ich ihn über alles.

Dir wird der Mund offen stehen bleiben. Was hat dein Freund da gerade gesagt? Er wird geschlagen, belogen und betrogen- aber er liebt seinen Partner trotzdem und will ihn nicht verlassen? Das macht doch überhaupt keinen Sinn!

Erkennst du dich in dieser Situation? Ich bin mir sicher du tust es. Aber warscheinlich wirst du nicht der erstaunte Freund gewesen sein, sondern der Mensch, der seinen Peiniger trotz allem liebt. Aber wie kann das sein? Wieso bleiben wir bei Menschen, die uns seelisch und körperlich misshandeln?

Das Stockholm Syndrom

Das Stockholm Syndrom ist ein psychologisches Phänomen, dass auf einen Bankraub in Stockholm zurückführt.  Hier ein kleiner Ausschnitt, was sich damals zugetragen hat:

Damals wurde Kreditbanken, eine Bank am Norrmalmstorg, im Zentrum der schwedischen Hauptstadt Stockholm, überfallen. Vier der Angestellten wurden als Geiseln genommen. Es folgten mehr als fünf Tage, in denen die Medien erstmals auch die Angst der Geiseln bei einer Geiselnahme illustrierten. Dabei zeigte sich, dass die Geiseln eine größere Angst vor der Polizei als vor ihren Geiselnehmern entwickelten.

Trotz ihrer Angst empfanden die Geiseln auch nach Beendigung der Geiselnahme keinen Hass auf die Geiselnehmer. Sie waren ihnen sogar dafür dankbar, freigelassen worden zu sein. Zudem baten die Geiseln um Gnade für die Täter und besuchten sie im Gefängnis.

Quelle: Wikipedia.com

Aber es wird sogar noch abstruser- eine der Geiseln führte später sogar eine Beziehung zum Entführer, eine andere stellte Geld für die Verteidigung des Entführers. Ihr seht, die Geiseln hatten am Ende nicht nur mit dem Bankräuber sympathisiert- nein sie stellen sich sogar gänzlich auf seine Seite!

Wie kann so etwas sein? Und- passiert es uns auch? Ist es das, was uns bei den missbräuchlichen Menschen hält? Wie können Menschen so dermaßen beeinflusst sein, dass sie jedwede Lügen ihres Manipulators glauben und für wahr halten?

Menschen mit Stockholm Syndrom schaffen es nicht sich abzugrenzen oder das große Ganze zu sehen. Sie sind so isoliert und eingenommen von ihrem Missbraucher, dass sie nicht in der Lage sind, sich von ihm zu lösen. Es entsteht eine abhängige und sehr ungesunde Bindung zwischen diesen beiden Menschen. Sie glauben all seine Lügen, nehmen jegliches missbräuchliche Verhalten hin und finden später eine für sie plausible Begründung dafür. „Er war gestresst.“ „Ich habe ihn zu sehr genervt.“ Jede fadenscheinige Ausrede, die sie nach jeder Lüge vorgesetzt bekommen, greifen sie wie einen rettenden Anker.  Es entsteht das ungesunde Gefühl, nur man selbst wisse, wer dieser Mensch wirklich ist. Alle anderen würden nur das schlechte sehen- aber sie kennen ihn wirklich! Und eigentlich, tief in sich drin, ist er der beste Mensch überhaupt! Er kann das nur oft nicht zeigen. Wie in dem Fall des Bankräubers- der seine Opfer sogar fesselte und der Polizei zuschrie: „Setzen sie ruhig Gas ein, aber dann töten sie vier unschuldige Menschen!“ Die Menschen waren für ihn nichts weiter als eine Garantie zum überleben- offensichtlich. Aber er hat die Wahrnehmung der Opfer in diesen Tagen der Entführung so sehr verdreht, dass sie am Ende glaubten, er sei das Opfer und die Polizei der Feind.

Das Trauma Bonding

Ein wichtiges Instrument ist hier die völlige Isolation- im Falle des Bankräubers sehr einfach. Schließlich konnten die Geiseln nirgendwohin fliehen. Aber auch Psychopathen machen es, wie wir wissen, so. Sie isolieren das Opfer von Freunden und Familie, damit sie bald nur noch ihn sehen. Nur noch seine Wahrnehmung der Dinge erleben. Und am Ende mit einer völlig verdrehten Weltansicht sich selbst für das missbräuchliche Verhalten die Schuld geben.  Was diese ungesunde Bindung noch verstärkt, ist die uns allbekannte „Zuckerbrot und Peitsche“ Methode. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sie zu starker seelischen und körperlichen Abhängigkeit führt.  Das Opfer wird also ständig destabilisiert, beleidigt und herunter gemacht. Ständig wird sein Selbstwert zerstört und es wird als Person immer wieder abgewertet. Dies kann „nur“ psychisch geschehen, bis hin zur körperlichen Gewalt.  Es sind aber hier die „netten“ Momente dazwischen, die dieses Trauma Bonding so stark machen. Durch die lieben und vollkommen willkürlichen Gesten zwischendurch, fühlt der Betroffene sich auf einmal geliebt und aufgewertet- und wird süchtig nach diesen Momenten. Es geht um Komplimente, kleine Geschenke, Entschuldigungen oder eine wunderschöne Einladung zum Essen, eine zärtliche Umarmung oder auch Sex. All das wird nur dosiert eingesetzt. Das Opfer redet sich ein- wenn man dem Psychopathen nur genug liebe schenkt, würde er sich eines Tages wirklich ändern. Außerdem leidet das Opfer unter enormen Schuldgefühlen. Es ist der Ansicht, dass es selbst Schuld ist, so Missbraucht zu werden. Schließlich ist der Missbraucher ja auch oft so nett! Das würde er doch nie tun, wenn er ein schlechter Mensch wäre. Das ist natürlich für jemanden, der nicht dermaßen isoliert ist und das Ganze mal von außen betrachtet, kompletter Blödsinn. Schließlich machen ein paar Geschenke den ganzen Missbrauch nicht wett. Aber wenn man dermaßen eingefangen und isoliert ist von einem solchen Menschen, kann man nicht mehr klar sehen. Man liebt seinen Peiniger. Hierzu haben Wissenschaftler folgendes Experiment durchgeführt: Eine Ratte kam in einen Käfig. Es gab einen Schalter. Am Anfang als die Ratte den Schalter drückte, kam etwas besonderes zu essen. (normales Futter hatte sie immer im Käfig) Aber mit der Zeit geschah es immer wieder, dass statt etwas zu essen ein Stromschlag kam. Aber die Ratte hatte sich schon zu sehr daran gewöhnt, diese Leckerli zu bekommen. Also drückte sie den Schalter immer wieder. Mittlerweile kamen mehr Stromstöße als Essen. Aber die Ratte hörte nicht auf den Schalter zu betätigen. Genau das macht Traumabonding aus. Man drückt immer wieder einen Schalter, obwohl man weiß, dass zu 90 Prozent ein Stromschlag kommt. Aber man tut es trotzdem. Denn es KÖNNTE ja was schönes kommen.

Erinnert euch das an was? Richtig- das ist totales Suchtverhalten.  Ein Spielesüchtiger würde sein Suchtverhalten an den Automaten genau so beschreiben. Er weiß, dass er zu 90 Prozent nichts gewinnen wird- aber dennoch drückt er immer wieder den Schalter. Denn er könnte ja den Jackpot knacken. Das macht ihn so abhängig, dass er irgendwann sein ganzes Geld verspielt.

Ihr seht, bei Trauma Bonding geht es darum, das Opfer schwer abhängig zu machen. Nur  wird hier kein finanzieller Hauptgewinn angeboten, sondern der Hauptpreis ist Liebe, Geborgenheit und Zuneigung. Also die wichtigsten menschlichen Bedürfnisse, die eigentlich ganz normal sind. Von der wir in einer Beziehung mehr als genug bekommen, auch ohne etwas dafür zu tun. Die gibt es aber hier nur zwischen unzähligen, ungesunden Stromstößen. Was mit der Ratte passiert ist? Sie ist gestorben. Und genau so stirbt der Überlebenswille in einem Menschen irgendwann. Irgendwann kann die Psyche diese ganzen Misshandlungen nicht mehr verarbeiten. Denn das Opfer verausgabt sich immer mehr und passt sich komplett den Vorlieben des Psychopathen an. Während dieser sogar Spaß dabei empfindet, sein Opfer immer weiter zu quälen und hin zu halten. Es gefällt ihm zu sehen, wie man sich für ihn ins Zeug legt. Wie das Opfer ihm mittlerweile sogar dabei hilft, andere zu missbrauchen und zu manipulieren. Er liebt es zu sehen, wie er andere Menschen zerstört. Er hat so viel Macht über sein Opfer, dass er bestimmt, wann der Betroffene ein bisschen Liebe, eine Umarmung oder auch mal Sex bekommt. Genau das macht diese Abhängigkeit so stark.

Das gleiche Abhängigkeitsverhalten haben Wissenschafter oft nach jahrelangen Entführungen bei Geiseln, bei Kriegsopfern oder körperlich Missbrauchten Menschen festgestellt. Diese Menschen stellten sich im Gerichtssaal oft noch auf die Seite ihrer Peiniger. Alle Beweise waren nicht Beweis genug für sie. Oft gaben diese Menschen dann an, den Peiniger viel besser zu kennen. So, wie er wirklich sei. Sie blendeten damit komplett die Realität aus. Soweit kann Trauma Bonding führen.

Menschen mit Stockholmsyndrom und jene, die durch Trauma Bonding süchtig gemacht wurden, haben eins gemeinsam. Sie brauchen dringend Psychologische Betreuung. Denn in beiden Fällen ist die Wahrnehmung so isoliert und verdreht, dass die Opfer den Wald vor lauer Bäumen nicht mehr sehen.

6 comments on “Trauma Bindung – Wenn man sich nicht trennen kann”

  1. Hat dies auf Lotoskraft rebloggt und kommentierte:
    Ich reblogge hier einen Artikel über die psychologischen Strukturen, die es Tätern ermöglichen, die Kontrolle über ihre Opfer zu bewahren.

    Während meiner letzten Traumatherapie meinte ich gegenüber meiner Therapeutin öfters: Was Fritzl in Amstetten alles tun musste, um seine Töchter zu kontrollieren, darauf konnte der Vater von mir verzichten, er hatte die psychische Kontrolle bei offenen Türen über uns, indem er uns unsere Seele erdrosselt hatte. Wir lebten mit den Eltern in einem unsichtbaren Bunker. So kam es, dass uns noch eine jahrzehntelange Yo-Yo-Beziehung verband, obwohl ich wusste, dass der Vater meine erwachsene Schwester weiterhin vergewaltigte. Viel zu spät konnte ich den Kontakt zu ihm endgültig durchtrennen. Bei der Mutter dauerte es bis zum endgültigen Bruch noch länger, weil ich meine Schuldgefühle darüber, von ihr missbraucht worden zu sein, überhaupt nicht anschauen und somit auch nicht relativieren konnte.

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  2. Was für ein toller Artikel. Ich habe in meinem Bekanntenkreis einige die ich nach Jahren so kommen sah. Für mich war das nicht begreiflich, aber auch sie konnten nicht gehen. ich hatte schon Jahre vorher zu einer Person gesagt. Trenn dich von ihm, er tut dir nicht gut. Auch als sie sich trennte hat sie diese nicht verkraftet und begann einen Suizidversuch. Da dachte ich sie hätte es gepackt, nein sie ging doch tatsächlich wieder zu diesem Mann zurück und jetzt vor ein paar Monaten traf ich sie wieder. Seelisch ein Wrack und dann kam der Zusammenbruch. Ich versteh immer noch nicht wie ein Mensch das schafft, einen anderen Menschen so zu manipulieren, ihn so auszusaugen. Jetzt ist sie getrennt und sie leidet, sie kann ihn nicht vergessen, obwohl sie froh sein müsste ihn losgeworden zu sein.

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  3. Liebe Artemis! Deine Artikel sind Gold wert. Du erklärst alles so gut verständlich in einfachen Worten, dass es einfach fantastisch ist. Die Ratte wurde so gut beschrieben mit den 10% Leckerlis und den 90% Stromstößen, dass mir der Mund offen blieb vor der Erkenntnis: Mensch, ich bin doch genau diese Ratte………Und dass mit der Sucht stimmt und mit der Gänsemagd ebenso. Jetzt weiß ich, wie ich dran bin und mein Gehirn arbeitet schon auf Hochtouren, um die ersten Schritte zu planen, um von meinem „Manipulator“, der mich so kühl und kalkulierend missbraucht, los zu kommen! Ich freue mich jetzt schon auf meine Freiheit und mein neues Leben. Deine Website ist einfach super. Ein tausend-faches Danke an dich. Keine Website kann dir das Wasser reichen. Herzliche Grüße Rosie

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